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07.10.2016

Was hinter den Tönen steckt

So eine Gelegenheit gibt es nicht alle Tage im Musikunterricht. Vorne, am Flügel, sitzt nicht der gewohnte Lehrer, sondern ein waschechter Profimusiker. Der Hamburger Pianist Matthias Kirschnereit ist an diesem Morgen in den Musiksaal des Hebelgymnasiums gekommen. Im Rahmen des Projekts „Rhapsody in School“ steht er den Schülern der Klasse 9 b Rede und Antwort – und erklärt, was es mit dem Musikerleben auf sich hat.

Was er sagt, trifft auf gespitzte Ohren. Kirschnereit hat es ja auch gut getroffen mit der Klasse, die im Musikzug des Gymnasiums organisiert ist. Da, wo eigentlich jedes Kind ein Instrument spielt und auch etwas anfangen kann mit klassischer Musik. Morgen besucht ein Großteil der Klasse Kirschnereits Konzert zusammen mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester im CongressCentrum. Dann ist auch die Geigerin Lena Neudauer dabei, die am gleichen Tag in dieser Woche das Hilda-Gymnasium besucht hat.

Das Konzert wirft seine Schatten voraus. Kirschnereit macht den Anfang mit Mendelssohn, in dessen Doppelkonzert er morgen zu hören sein wird. Er spielt den letzten Satz: energische Skalen, wild auffahrender Gestus. „Ganz schön schnell, oder?“ Und dann wird klar: Mendelssohn war 14 Jahre alt, als er das das Stück geschrieben hat – so alt wie die Schüler jetzt.

„Das war schon ein ziemliches Wunderkind“, sagt Kirschnereit. Kurz darauf ändert sich die Atmosphäre. „Mendelssohns Werke waren von 1933 bis 1945 in Deutschland verfemt. Wisst ihr, warum?“ Auf einmal geht es um viel mehr als Töne, um das, was hinter ihnen steht – wie oft in gutem Musikunterricht. Kirschnereit erzählt die Geschichte seines Vaters, der in der Schule so gerne die Mendelssohnstücke gehört hat – bis der Musiklehrer auf einmal weg war, der sie spielte. „Mendelssohn wurde von den Nazis verfemt, weil er Jude war.“ Und mit ihm seine Musik. Kirschnereit zeigt sich als Anwalt seiner Werke – und trifft mit dem nächsten Stück ins Herz.

Da ist ein wehmütig-unschuldiger Sog im „Andante tranquillo“ aus den Liedern ohne Worte op. 67, mit dessen hypnotischer Abwärtsspirale der Pianist fasziniert. „Ich finde, das ist ein trauriges Stück, aber auch ein glückliches; eins mit viel Seele“, hat Kirschnereit angekündigt. Er behält recht. „Was fühlt ihr, wenn ihr das hört?“

Eine Schülerin meldet sich: „Das gibt mir irgendwie Sicherheit.“ Kirschnereit wollte eben eines zeigen. „Warum spielen wir eigentlich im Jahr 2016 noch so alte Musik?“ Die Antwort erhält er auf seinen Konzerten. Auch mit Musik von toten Menschen könne man die Lebenden noch zu Tränen rühren. „Der Mendelssohn war eben ein Mensch so wie wir. Deswegen ist seine Musik auch heute noch aktuell.“

Präsent ist Musik auch im Leben der Schüler. Gitarre spielen sie, Akkordeon oder Geige – und wollen wissen, wie das so ist als Profimusiker. „Wie viele Stunden üben Sie denn am Tag?“ Kirschnereit erzählt aus seiner Karriere. Wie er mit fünf Jahren angefangen hat, Klavier zu spielen, wie er das Üben dann für drei Jahre ganz aufgegeben hat, weil seine Familie nach Namibia ausgewandert war – und wie er sich zurückgekämpft hat. „Während meines Studiums habe ich schon rund sechs bis acht Stunden pro Tag geübt.“ Das sorgt zwar für ein anerkennendes Raunen im Saal, aber schrecken kann Kirschnereit die Schüler nicht. Er fragt: „Will vielleicht von Euch jemand Profimusiker werden?“ Eine Schülerin meldet sich, eine Geigerin, sie könne sich das schon vorstellen. Wieviel übe sie denn pro Tag? „Ja schon so vier Stunden.“ Und was spielt sie gerade? „Das Violinkonzert von Mendelssohn.“ Und mit einmal scheint die Mühe gut investiert.