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Die Kultur Londons – hier eine Ausstellung im Design Museum – profitiert von Fördermitteln der EU. Wie die ersetzt werden können, wird heftig diskutiert. Foto: Jeon
Die Kultur Londons – hier eine Ausstellung im Design Museum – profitiert von Fördermitteln der EU. Wie die ersetzt werden können, wird heftig diskutiert. Foto: Jeon
29.12.2016

Was macht der Brexit mit der Kunst?

London. Eigentlich war es ein gutes Jahr für die Kunstszene in London: Die Besucherzahlen stiegen, neue Museen öffneten ihre Türen. Aber dennoch will sich keine rechte Freude einstellen. Die Unsicherheit, die der Brexit auch für diesen Sektor mit sich bringt, überschattet alles. „Es war ein Jahr der schrecklichen Schocks – von Brexit bis Trump“, sagte Stephen Deuchar, Direktor der Kunstförderungsstiftung Art Fund.

Die gedrückte Stimmung wird auch nicht dadurch besser, dass gleich an zwei der größten Museen Londons Wachwechsel vollzogen wurden. Martin Roth, der deutsche Direktor des Victoria and Albert Museums, nahm im September nach fünf Jahren im Amt überraschend seinen Hut. Enttäuschung über das Brexit-Votum wurden als einer der Gründe für seine Entscheidung genannt.

Wenig später gab Nicholas Serota, der Direktor der höchst erfolgreichen Tate Galleries, seinen Rücktritt bekannt. Er verlässt seinen Posten im Februar nach fast 30 Jahren und übernimmt den Vorsitz des einflussreichen Arts Council, des höchsten Bindeglieds zwischen der Kunstwelt und der Regierung. Nach dem Weggang von Neil MacGregor nach Berlin zog mit Hartwig Fischer im British Museum ein neuer Chef ein.

Politische Unsicherheiten führten aber nur vorübergehend zur Lähmung. Schon Ende Oktober haben rund 500 Vertreter der Kunstwelt in einem Bericht ihre „rote Linie“ für künftige Brexit-Verhandlungen festgelegt.

Die Vereinigung Kunstschaffender Industrien verlangt in ihrer Analyse eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen EU-Förderung, den geschätzten künftigen Verlust der Mittel und deren Ersatz durch die Regierung sowie die Überprüfung branchen-spezifischer Regulierung, den Schutz von Urheberrechten und erleichterte Anwerbe- und Visabedingungen.

Der Beitrag der Kunst- und Unterhaltungsbranche zur Gesamtwirtschaft wird von der Regierung mit jährlich mehr als 87 Milliarden Pfund (102 Milliarden Euro) bewertet. Der Export „kreativer Industrien“ brachte zuletzt (2014) rund 20 Milliarden Pfund ein. Nach Angaben des stellvertretenden Labour-Vorsitzenden Tom Watson hat allein die britische Hauptstadt zwischen 2007 und 2013 jährlich umgerechnet 7,5 Millionen Euro aus dem Kulturfördertopf der EU erhalten.

Neben der Sicherstellung von Fördermitteln gibt es auch Sorge um die künftige Anwerbung von ausländischen Fachkräften. In Zusammenarbeit mit der EU müssten hier „vernünftige Entscheidungen“ getroffen werden. Etwa ein Viertel der Beschäftigten im Kunst- und Kulturbereich sind Nicht-Briten.

Tate-Direktor Serota warnte in diesem Zusammenhang vor der Errichtung „künstlicher Barrieren“. Der Erfolg der Tate Modern habe maßgeblich mit der Anwerbung von qualifiziertem Personal „auf allen Ebenen und in ganz Europa“ zu tun. „Unterschiedliche kulturelle Erfahrungen und Standpunkte helfen uns, zu verstehen, was unsere Besucher von uns erwarten“, sagte Serota.

Auf seine künftige Rolle im mächtigen Kunstrat setzen Viele in der britischen Kunstszene nun ihre Hoffnung. Allerdings wird auch erheblicher Gegenwind von lauten Minderheitsstimmen erwartet, die auch im Kulturbereich den Brexit als eine „Befreiung von den Ketten der EU-Bürokratie“ sehen.