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Eindrucksvoll musiziert: die Frankfurter Sinfoniker.  Foto: Roller 

Wegen Trockenheit: Calwer Klostersommer endet erfolgreich, aber ohne Feuerwerk

Calw-Hirsau. Raketen steigen am Sonntagabend keine in den Himmel auf, Fontänen schießen nicht in die Höhe, Feuerkreise drehen sich nicht. Das Feuerwerk zum Abschluss des Calwer Klostersommers ist wegen der anhaltenden Trockenheit aus Sicherheitsgründen kurzfristig abgesagt worden. Und trotzdem sprühen die Funken, trotzdem fließen die Farben ineinander, vermischen sich, bilden neue Formen und Figuren. Musiker und Sänger zünden auf der Bühne ein akustisches Feuerwerk. Eines, das diesen Abend unvergesslich macht.

Es ist ein Abend voller Kontraste, voller Vielfalt und Abwechslung. Zusammen mit den Sängern Barbara Marín, Richard Wiedl, Han-Bo Jeon, Oscar de la Torre und Theodore Browne kredenzen die Frankfurter Sinfoniker unter Volker Christs Leitung ein buntes, äußerst unterhaltsames Programm: Von Oper bis Pop, von Puccini bis Queen, von Tarantella bis Broadway reicht die Bandbreite. Die Sänger verstehen ihr Handwerk, intonieren nuanciert, präzise, klar und deutlich.

Da wäre Han-Bo Jeon, der mit viel Schmelz in der Stimme und voller Leidenschaft aufgeht in der Rolle des jungen Offiziers Don José, der hoffnungslos verliebt ist in die feurige Carmen. Oder Oscar de la Torre, der Mexikaner, der beim wilden „La Danza“ nicht nur mit seinem leichten, geschmeidigen Falsett auffällt, sondern auch mit den ausladenden Gesten, mit denen er seinen Gesang unterstützt. Seine Stimme hat so viel Kraft, so viel Volumen, dass er eigentlich kein Mikrofon bräuchte, um die Klosterruine auszufüllen.

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Buffo-Tenor Richard Wiedl singt Ausschnitte aus „Gräfin Marzia“, während Barbara Marín mit Opern-Arien und Musical-Songs aufwartet. Foto: Roller

Ebenso wenig Theodore Browne, von dem in Donizettis „Ah! mes amis“ neunmal das hohe C verlangt wird: für ihn überhaupt kein Problem. Hervorragend singen kann auch Buffo-Tenor Richard Wiedl. Nur kann es bei ihm schnell passieren, dass das Publikum abgelenkt ist, dass es staunt, wie schwungvoll er mit einem großen Satz von der Bühne springt, um einer Konzertbesucherin seine Aufwartung zu machen. „Komm mit nach Varasdin“ präsentiert er tanzend, in die Knie gehend, Pirouetten drehend, bis er fast das Gleichgewicht verliert. Für „I Am What I Am“ zieht er sich Ohrringe und schwarze Pumps an, mit denen er sich überraschend grazil bewegen kann. Nicht nur seine Bühnenpräsenz ist beeindruckend.

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Buffo-Tenor Richard Wiedl singt Ausschnitte aus „Gräfin Marzia“, während Barbara Marín mit Opern-Arien und Musical-Songs aufwartet. Foto: Roller

Vielseitig und wandelbar präsentiert sich auch Sopranistin Barbara Marín, die mit ihrer warmen Stimme die ganze Bandbreite abdeckt: von der mit ruhiger Eleganz vorgetragenen, an Koloraturen reichen Tosca-Arie „Vissi d’arte“ bis zum federleicht-heiter wirkenden „I Feel Pretty“ aus der West Side Story. Am besten ist es aber, wenn alle zusammen singen, wenn bei „La donna è mobile“ ihre Stimmen perfekt harmonieren, wenn sie sich bei „Dein ist mein ganzes Herz“ gegenseitig zu überbieten versuchen, wenn sie dem Publikum mit Wucht das feurige „O sole mio“ entgegenschmettern und es bei „Funiculì Funiculà“ nicht nur zum Klatschen, sondern auch zum Mitsingen bringen.

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Eindrucksvoll musiziert: die Frankfurter Sinfoniker. Foto: Roller

Immer wieder entstehen in der Hirsauer Klosterruine intime Momente. Etwa, als Browne und de la Torre das „Hallelujah“ Leonard Cohens gleichsam zart und intensiv entfalten, begleitet von einem Orchester, das mit viel Fingerspitzengefühl einen feinen Klangteppich webt. Überhaupt agieren die Musiker äußerst beweglich und liefern immer wieder schöne Farben. Ihr Spiel ist überaus harmonisch und dynamisch, wirkt weich und geschmeidig. Als sich nach gut zwei Stunden bei „Time To Say Goodbye“ unzählige leuchtende Handy-Displays in den schwarzen Nachthimmel recken, ist das zwar nicht so laut wie ein Feuerwerk, aber genauso eindrucksvoll.