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Am Gehstock betritt die Musiklegende die Stadionbühne, vor ihm haben sich seine Fans bereits aus den Stühlen erhoben. Fotos: dpa
Wie viele sind denn da? Zehntausende dürfte der Sänger gezählt haben.
07.06.2019

Weltstar Phil Collins begeistert knapp 40.000 Zuhörer bei Open-Air-Konzert in Stuttgart

Stuttgart. Vokuhilas, Bundfaltenhosen, pastellfarbene Sakkos mit Schulterpolster: Fotos, auf die beiden großen Videoleinwände geworfen, starten die Zeitreise. Erster Titel, der Kuschelrock-Klassiker „Against All Odds“ aus dem Jahr 1984. Die Mercedes-Benz-Arena hieß damals noch Neckarstadion, der VfB war deutscher Meister. Von den Mode-Irrtümern mal abgesehen, es waren gute Zeiten.

Vor allem für Phil Collins. Der Brite avancierte zum Weltstar, verkaufte Platten millionenweise, schrieb Ohrwürmer ohne Ende: Synthesizer-Flächen, Bombast-Schlagzeug, gelegentlich ein Saxofon-Solo. Für geschmäcklerische Musikstreber war das ziemlich uncool. Auch weil Collins, berühmt geworden in den 70er-Jahren am Schlagzeug von Genesis, nach Peter Gabriels Abgang die Führung der Band übernahm und ihren Sound konsequent kommerzialisierte. Die Produktionen waren von seinen Solo-Scheiben kaum mehr zu unterscheiden.

Bildergalerie: Phil Collins bei Open-Air-Konzert in Stuttgart

Was soll’s. Viele Kritiker von damals sind altersmilde, für jüngere Fans sorgen all die Radiosender, die sich an Collins’ schier unerschöpflichem Repertoire an Nummer-Eins-Hits munter bedienen, obwohl dieser Quell seit fast 17 Jahren versiegt ist. 2002 erschien das letzte Album mit neuen Nummern. Und so erhebt sich ein Großteil der knapp 40.000 Konzertbesucher von den Stühlen, als der Sänger auf einen Gehstock gestützt die Bühne betritt und auf einem Drehhocker Platz nimmt: Heimspiel in der nicht ganz ausverkauften Arena. „Still Not Dead Yet“ („Immer noch nicht tot“) lautet das selbstironische Motto seiner Europa-Tournee. Einsamkeit, Alkohol, Entziehungskur, Rücken-Operation – das Leben hat seine Spuren bei dem 68-Jährigen hinterlassen. Die Hitmaschine ist gealtert. Dankbar, bescheiden, fast schüchtern plaudert der Brite erst mal ein paar Worte. Dann folgen rund 20 Titel in zwei Stunden: viel Collins, und etwas Genesis. Da sitzt er nun in der Weite des Bühnenraums, eine 14-köpfige Band stärkt ihm den Rücken. Darunter langjährige Wegbegleiter wie der rauschebärtige Leland Sklar am Bass und Daryl Stuermer an der Gitarre. Sie beherrschen das vom Frontmann geschaffene Pop-Handwerk in Perfektion. Am Schlagzeug überzeugt Collins’ Sohn Nicholas mit starker Technik und Präzision. Dada dada dada dada da da – bumm. Der 18-Jährige klopft auch den legendären, immer mit größter Spannung erwarteten Schlagzeug-Break von „In The Air Tonight“: trockener und weniger hallig als früher sein Vater.

Das Drehbuch der ersten Hälfte: Balladen und Gänsehaut wechseln sich paarweise ab mit flotteren Stücken. Collins’ Stimme ist markanter geworden, dringt mehr durch die Nase, verleiht den ruhigen Nummern wie „Throwing It All Away“ oder „Follow You Follow Me“ mehr denn je etwas sehnsuchtsvoll Träumerisches. Kraftvoll soulig, von vier Background-Vokalisten dynamisch unterstützt, singt er den Supremes-Klassiker „Can’t Hurry Love“. Wie einst Joe Cocker wiegt er seinen Körper hin und her.

Nach dem Griff in den Schmalztopf („Separate Lives“) folgt ein Schlagzeug-Duell, zu dem sich Collins mit den Händen die Cajon trommelnd gesellt – kleiner Aufrüttler in einem weitgehend erwartbaren Programm, das nicht gerade darauf ausgelegt ist, die Vielseitigkeit des Künstlers zu betonen. Es lebt auch von rührenden Momenten, etwa wenn Vater und Sohn Seite an Seite „You Know What I Mean“ intonieren.

Gelegentlich zeigen die Leinwände nostalgische Clips, ansonsten zählt die Freude am Wiederhören der Musik. Und die ist durchaus funky. Knackige Bläsersätze verleihen Midtempo-Nummern wie „Something Happened On The Way To Heaven“, „I Missed Again“ oder „Who Said I Would“ eine Extraportion Schmiss. Die Musiker verbreiten bei „Dance Into The Light“ eine Partystimmung, die aufs textsichere Publikum schon lange übergeschwappt ist. Mit „Invisible Touch“, „Easy Lover“ und dem von Konfetti-Kanonen flankierten „Sussudio“ werden gegen Ende weitere Welthits abgefeuert.

Die Flut eingängiger Melodien lässt selbst einstige Gegner mit etwas Wehmut spüren: Sie sehen hier einen begnadeten Songschreiber. Womöglich zum letzten Mal.