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Die Folgen menschlichen Handelns für den Planeten reflektiert der britische Starkünstler Liam Gillick auf dem Pforzheimer Waisenhausplatz.  Foto: J. Kirschler 

Wie wirkt der Mensch auf den Planeten ein? Namhafter britischer Künstler thematisiert dies auf Pforzheimer Waisenhausplatz

Pforzheim. Kryptisch wirkt für Passanten die Installation auf dem filigranen Gewächshaus aus Holz und Folie, das derzeit den Pforzheimer Waisenhausplatz ziert. „I=PxAxT“ steht da oben auf dem Dachfirst. Es ist der Titel eines Werks des britischen Künstlers Liam Gillick. Unter Verwendung der Formel thematisiert er die Frage, wie der Mensch auf den Planeten einwirkt. Die Arbeit ist nun Teil des Ende April gestarteten Projekts „A Fair Land Pforzheim“ der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforzheim.

Bezug zur US-Wissenschaft

Die Formel „I=PxAxT“ geht auf die US-amerikanischen Wissenschaftler Paul R. Ehrlich und John Holdren zurück. Mit ihrer Gleichung wollten sie 1970 auf die Folgen des menschlichen Einwirkens für unseren Planeten hinweisen. „I“ steht dabei für Impact (Umwelteinwirkung). Diese resultiert aus „P“ (Population/Bevölkerungsgröße) mal „A“ (Affluence/Wohlstand) mal „T“ (Technology/Technik). In seinem Buch „Die Bevölkerungsbombe“ von 1968 sagte Ehrlich massenhafte Hungersnöte voraus: Durch das Bevölkerungswachstum entwickle sich eine Ressourcenknappheit, obwohl der Wohlstand und der technische Fortschritt zunähmen. Ganz generell stellt die Gleichung einen Zusammenhang von Bevölkerungszahl, Wohlstand und Technik her.

Die brisante Formel besitzt nach wie vor Gültigkeit, wenngleich Ehrlichs katastrophale Vorhersagen bisher nicht mit der angekündigten Geschwindigkeit eintraten.

„Durch Liam Gillicks Arbeit wird ‚A Fair Land‘ in einen größeren Zusammenhang gestellt. Fragen von nachhaltiger Entwicklung, die wir hier im Kleinen aufwerfen, skaliert ein Weltstar mit der ,IPAT-Formel‘ quasi auf Weltniveau“, betont Robert Eikmeyer von der Hochschule, der das Gesamtprojekt konzipiert hat.

Er arbeitet seit 2011 mit dem Briten zusammen. Gillick war erstmals in der von Eikmeyer kuratierten Ausstellung „Als die Wälder auf Reisen gingen“ in Pforzheim vertreten und gestaltete 2019 die von Professor Thomas Hensel und Eikmeyer kuratierte Bauhaus-Jubiläumsausstellung in Nürnberg.

Pforzheim

Eine Bioskulptur entsteht: Zucchinis wachsen in einem Gewächshaus auf dem Waisenhausplatz

Der 56-jährige Gillick bedient sich verschiedener Formate, um das „ideologische Kontrollsystem“ zu entlarven, das Anfang der 1990er-Jahre entstand: An die Stelle von Fabriken, Fertigungshallen und Werkstätten der alten Indu-strien traten Lobbys, Foyers, Konferenzräume sowie Cafeterien. Sie bilden seiner Ansicht nach die formale Sprache des neoliberalen Kapitalismus. Materialien wie Aluminium und Plexiglas, die in der Moderne für progressive Architektur und Design standen, wurden zu Teilen der Matrix dieser Geschäftswelt. Unter Verwendung ihrer Ästhetik demonstriert Gillicks Arbeit, wie das modernistische Erbe von Abstraktion und funktionaler Architektur, eingebettet in den globalen neoliberalen Kontext, sozusagen dysfunktional und nutzlos wird.

Mit eigenen Beiträgen war Liam Gillick an der „documenta X“ und den Biennalen von Venedig, Berlin und Istanbul beteiligt. 2009 gestaltete er den Deutschen Pavillon auf der 53. Biennale von Venedig. Gillicks Werke finden sich in den weltweit bedeutendsten und einflussreichsten Museen und Sammlungen, darunter dem Museum of Modern Art, dem Guggenheim Museum, der Tate Modern und dem Centre Pompidou. Er lebt und arbeitet in New York.

Idealtypische Vision

„A Fair Land“ ist ein Experiment: In dem Gewächshaus sollen sich Kunst, Design und Architektur mit ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit, sowie mit sozialer Aktivierung verbinden. Das Hochschulprojekt entwickelt eine idealtypische Gesellschaftsvision: Wie sieht ein Ort des gesellschaftlichen Miteinanders aus? Was entsteht durch Kooperation? Bis in den Sommer hinein wird am Waisenhausplatz gemeinschaftlich Gemüse angebaut und „fairteilt“.

Mehr Informationen zu ‚A Fair Land Pforzheim‘ bei Instagram unter @afairland_pf

Michael Müller

Michael Müller

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