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Dorcas Müller, Leiterin des Labors für antiquierte Videosysteme beim ZKM, führt an einem Ein-Zoll-Videoband eine Sichtprüfung durch. Helle Flecken an manchen dunklen Bändern erinnern an Schimmel.  Foto: Deck/dpa 

Wo die Videokunst im Backofen landet: ZKM will chemischen Verfallsprozess stoppen

Karlsruhe. Bei der Rettung von Videokunst ist es wie beim Wäschewaschen: „Bei 60 Grad wird’s wirksam“, sagt Dorcas Müller. „Aber auch gefährlich.“ Auf einem Silbertablett hat sie Kassetten und eine Spule Magnetband liegen. In einem Backofen, wie man ihn aus der Biochemie kennt, soll Feuchtigkeit verschwinden, die die Bänder – und damit die Kunst – zerstört. Helle Flecken an manchen dunklen Bändern erinnern an Schimmel. Sie zeugen vom chemischen Verfallsprozess. Den zu stoppen, ist das Ziel von Müller und ihrem Team im Labor für antiquierte Videosysteme des Zentrums für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM). Auch putzen und flicken gehören dazu. Und sie wollen die Werke für die Nachwelt erhalten – in digitaler Fassung. Denn um die Originale abspielen zu können, gibt es kaum noch passende Technik.

Wie eine Zeitkapsel

Daher wirken die Räume des Labors wie eine Zeitkapsel: Mehr als 50 Videoformate aus verschiedenen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts liegen herum. Filmstreifen – mal einen halben, mal einen ganzen Zoll breit. Mal zwei Spulen in Kunststoffhüllen – wahlweise über- oder nebeneinander. Oder einfach lose. Und Hunderte Geräte zum Abspielen.

Die Technik habe sich rege entwickelt, beschreibt Müller. Alle paar Jahre sei etwas Neues auf den Markt gekommen. Die einen können nur schwarz-weiß abspielen, die anderen Farbe. Zudem galten in den USA etwa andere Standards bei Fernsehproduktionen als in Deutschland. Und hier teilweise wieder andere als in Frankreich. „Wir brauchen alle Maschinen à drei, um wirklich alles abspielen zu können“, sagt Müller. Weil manche Geräte gar nicht mehr zu bekommen sind, basteln die ZKM-Techniker auch schon mal selbst eine Anlage. Die kommt dann mit einem Gehäuse aus Pappe und Klebestreifen aus.

Mit dieser Ausstattung ist das ZKM weltweit so gut wie einzigartig. Nur sehr wenige Institute etwa in New York und Los Angeles könnten Videoarchive selbst restaurieren und digitalisieren. Andere namhafte Häuser wie das Centre Pompidou aus Paris schicken ihr Material nach Karlsruhe. Das Ludwig Forum Aachen habe das größte Videoarchiv Deutschlands, sagt Müller. „Aber auch kein eigenes Labor.“

Manchmal brauche sie eine Woche für ein Band, wenn es mühsam mit Reinigungsfließ oder scharfem Saphir behandelt werden muss. Eine Arbeit, die sich nur ein Museum erlauben könne, weil es hier um den künstlerischen Wert gehe, nicht um Wirtschaftlichkeit. Das Geld dafür komme beispielsweise aus den Einnahmen des ZKM oder Drittmittel. Eine Förderung vom Land oder Bund, wie es das Deutsche Literaturarchiv Marbach für die Rettung von Schriftstücken bekomme, bekomme es nicht.

Rund 1000 Bänder kriegt Müllers Team im Jahr bearbeitet. Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys stand gerade Material von und mit dem Künstler auf dem Programm. Auch spektakuläre Funde seien bei der Sichtung schon aufgetaucht, sagt Müller. Etwa John Lennon bei einer Performance seiner Frau Yoko Ono, die wegen offener Rechtsfragen bis heute nicht habe gezeigt werden können.

Was hier archiviert wird, entscheidet das Kuratorium. „Chancen hat Material, bei dem man sich neue Erkenntnisse erhofft“, sagt Müller. Und wenn etwa eine Ausstellung oder ein Filmporträt über einen bestimmten Künstler in Planung sind, für die Material gebraucht wird.

Mal schicken andere Institute Videos, mal Künstler selbst ihr eigenes Archiv. So wie Ulrike Rosenbach, die als eine der Pionierinnen in Sachen Videokunst gilt. Sie wohne in der Eifel und sei von den schweren Hochwassern vor einigen Wochen betroffen gewesen, berichtet Müller.

Ein Petabyte ist schon archiviert, wie Müller sagt. Das sind eine Billarde Bytes. Gespeichert wird übrigens auf Magnetband, umweltfreundlich im Schrank statt auf einem stromfressenden Server. Ein Satz wird in Karlsruhe archiviert, einer außerhalb – falls mal etwas passiert. Alle zehn Jahre würden die Daten auf die neuste Generation Magnetbänder übertragen. „Wir werfen die alten nicht weg“, sagt Müller. „Wer weiß, welche länger halten.“