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Wolfgang Witzenmann an der Flöte – als 16-Jähriger. In seiner Jugend musizierte er auch im Stadttheater. Foto: privat
Wolfgang Witzenmann an der Flöte – als 16-Jähriger. In seiner Jugend musizierte er auch im Stadttheater. Foto: privat
Arbeiteten 2007 an der Partitur zu „Christus und Gilgamesch“: Witzenmann mit dem damaligen Bezirkskantor Kord Michaelis. Foto: PZ-Archiv
Arbeiteten 2007 an der Partitur zu „Christus und Gilgamesch“: Witzenmann mit dem damaligen Bezirkskantor Kord Michaelis. Foto: PZ-Archiv
Wolfgang Witzenmann an der Flöte – Ende der 1980er-Jahre.  In seiner Jugend musizierte er auch im Stadttheater. Foto: privat
Wolfgang Witzenmann an der Flöte – Ende der 1980er-Jahre. In seiner Jugend musizierte er auch im Stadttheater. Foto: privat
24.11.2017

Wolfgang Witzenmann wird 80: „Komponieren ist meine Leidenschaft“

Pforzheim. Wie gerne wäre er dieses Wochenende in Pforzheim, jenem Ort, an dem er einen Großteil seiner Kindheit verbracht hat. Am Sonntag findet zu Ehren Wolfgang Witzenmanns im Reuchlinhaus ein Festkonzert statt, Anlass ist sein 80. Geburtstag. Doch seit Jahren plagt den Komponisten die Hüfte. „Ich bin praktisch unbeweglich und bedauere sehr, dass ich nicht kommen kann“, sagt der in Rom lebende Witzenmann im Gespräch mit der „Pforzheimer Zeitung“.

Wolfgang Witzenmann wurde am 26. November 1937 in München geboren und wuchs mit seinen Schwestern in Garmisch-Partenkirchen auf. Er war ein ausgezeichneter Schüler – und von kleinauf der Musik zugetan. Als Sechsjähriger spielte er schon öffentlich Blockflöte, mit acht Jahren flüssig Klavier. Wolfgang Witzenmann war aber auch ein guter Sportler, er fuhr Ski, war Alpinist und spielte Tennis.

Nach dem Umzug nach Pforzheim 1951 legte er am Reuchlin-Gymnasium ein Einserabitur ab und hielt die Abitursrede. Während der Schulzeit hatte er Flöten- und Klavierunterricht, samt weiterer öffentlicher Auftritte. Dann entschied er sich, Musik zu studieren, statt in den Familienbetrieb einzutreten. „Das war kein leichter Entschluss“, sagt er. Aber sein musikalischer Weg war vorbestimmt (siehe „Eine musische Familie“).

Witzenmann studierte an der Musikhochschule in Stuttgart Klavier bei Karl Heinz Lautner, Querflöte bei Hans Ulrich Niggemann und Komposition bei Georg von Albrecht und Johann Nepomuk David. Zwischen dem Studium von Musik und Musikwissenschaft war er erster Flötist im Pforzheimer Städtischen Orchester, wo er auch am Theater in Sinfoniekonzerten und Opern sein Können auf der Querflöte demonstrierte. Zudem gastierte er mehrfach beim Südwestdeutschen Kammerorchester, als Flötist und als Pianist.

In Tübingen studierte Wolfgang Witzenmann Musikwissenschaft, Geschichte und romanische Sprachen, schrieb seine Promotionsarbeit über italienische Barockmeister. „In Verbindung damit betrieb ich lange Archivstudien“, erinnert er sich. Das führte dazu, dass er 1965 durch seinen Tübinger Lehrer Walter Gerstenberg ans Deutsche Historische Institut in Rom als Musikhistoriker berufen wurde. Von 1967 bis 2001 arbeitete er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter, baute die musikwissenschaftliche Abteilung auf und erforschte die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland auf dem Gebiet der Barockmusik. In dieser Zeit entstanden viele musikhistorische Publikationen, Aufsätze in Fachzeitschriften und Vorträge. Er veröffentlichte Studien über Stradella, Vivaldi, Monteverdi, Mazzocchi und Mazzolli.

Die Institutsarbeit beflügelte das Kreative: Witzenmanns Schaffen ist breitgefächert. Seine Kompositionen wurden weltweit aufgeführt, Premieren fanden bei internationalen Festivals statt, etwa in Rom, Neapel und New York. Er schrieb eine Oper („Navisio“), das anspruchsvolle Oratorium „Christus und Gilgamesch“, welches 2007 das Bachorchester und der damalige Bezirkskantor Kord Michaelis in der Pforzheimer Stadtkirche uraufführten. Er vertonte diverse Lieder, zum Beispiel von Morgenstern und Goethe, vor allem aber schrieb er Flöten- und Klaviersonaten. Witzenmann erhielt beim Tonkünstlerfest in Calw den ersten Preis und bekam ein Stipendium für Komposition an der Universität in Innsbruck sowie einen Kompositionsauftrag der Bayerischen Akademie der Künste in München.

Postmodaler Stil

Im Frühwerk war Witzenmann auf die Avantgarde ausgerichtet, das kontrapunktische Handwerk hat er sich autodidaktisch erarbeitet. Seinen Stil bezeichnet er als postmodal. „Ich orientiere mich in freier Weise an modalen Systemen und Prinzipien und setze sie tonal um.“ Seit 1970 vereinfache sich sein Stil, „unter Einfluss meiner Lehrtätigkeit bei den internationalen Sommerkursen für alte Musik in Urbino“, sagt er.

Beim Festkonzert sind morgen neben eigenen Kompositionen auch Werke von Stradella und Mazzocchi zu hören. Unter der Leitung von Walter Nussbaum werden die renommierten Ensembles des Klangforums Heidelberg eigene Konzertformate zeitgenössischer und alter Musik spielen. Witzenmann ist mit Nussbaum befreundet, der Dirigent stand schon für viele Uraufführungen seiner Werke am Pult. „Er schätzt meine Musik sehr. Ich habe die Hoffnung, über sein Ensemble mit meinen Werken international noch bekannter zu werden.“

„Komponieren“, sagt der Jubilar, „ist meine Leidenschaft“. Witzenmann tut dies noch heute – in Rom, wo er mit seiner italienischen Frau und seinen beiden Kindern lebt. Bis 2012 war er immer zweimal im Jahr für einen Monat in Pforzheim. Seitdem erlauben es ihm seine Hüftprobleme nicht mehr. Als Heimat betrachtet er die Stadt aber immer noch, „aus familiären Gründen“.