nach oben
Im großen Saal im Reuchlinhaus nimmt die „Klangskulptur“ von Gerlinde Beck einen zentralen Platz ein. Kunstvereinsgeschäftsführerin Bettina Schönfelder hat die Ausstellung kuratiert.  Seibel
Im großen Saal im Reuchlinhaus nimmt die „Klangskulptur“ von Gerlinde Beck einen zentralen Platz ein. Kunstvereinsgeschäftsführerin Bettina Schönfelder hat die Ausstellung kuratiert. Seibel
27.11.2015

Zwei Ausstellungen würdigen das Werk von Gerlinde Beck

Pforzheim. Sie zählt zu den bedeutendsten Bildhauerinnen im Südwesten Deutschlands, studierte unter anderem bei Willi Baumeister in Stuttgart, absolvierte eine Feinblechner-Lehre und Schweißerlehrgänge, arbeitete mit meterhohen Metallplastiken und war doch so zierlich, dass man meinen konnte, ein Windhauch würde sie hinwegwehen.

„Eine starke, ganz ungewöhnliche Frau“, sagt Kunsthistorikerin Regina Fischer über Gerlinde Beck. Eine Frau, der auch die Kultur Pforzheims viel zu verdanken hat.

Und die nun gleich zweifach im Jahr ihres 85. Geburtstags gewürdigt wird: mit umfangreichen Ausstellungen im großen Saal des Reuchlinhauses und der Galerie zum Hof sowie mit einer Hommage in der Pforzheim Galerie. Um die ganze Bandbreite des Schaffens der im Jahr 2006 in Mühlacker-Großglattbach gestorbenen Künstlerin darzustellen, bedarf es nicht nur einer Vielzahl von Skulpturen und Zeichnungen. So sind Filmkünstler, Tänzer und Musiker ebenso in dieses umfangreiche Projekt eingebunden.

„Raumchoreografien – Tanz, Klang und Raum in der Skulptur von Gerlinde Beck“ ist der Titel der Ausstellung im Kunstverein. Hier hat Geschäftsführerin und Kuratorin Bettina Schönfelder nicht nur fast 50 Skulpturen und Zeichnungen zusammengetragen, sondern mit der Großplastik „Monument für Dore Hoyer“ auch eine Leihgabe der Sammlung Zeitgenössische Kunst der Bundesrepublik Deutschland ins Zentrum der Schau gestellt. Denn diese Arbeit zeigt wie viele ihrer kleineren Deklinationsformen die unglaubliche Meisterschaft auf, mit der Gerlinde Beck ihre teils tonnenschweren Arbeiten zum Tanzen brachte.

Anhand einer historischen Filmaufnahme der Choreografie „affectus humanus“ der stilprägenden Ausdruckstänzerin lässt sich eindrucksvoll ablesen, mit welcher Souveränität Gerlinde Beck den weichen, geschmeidigen Tanzstil Dore Hoyers und ihre bei aller Drehgeschwindigkeit ausbalancierte Körperhaltung in ab-strakte Skulpturen übersetzte. „Aber immer bleibt der menschliche Körper erkennbar, dessen schnelle Drehungen um die eigene Achse in Linien- oder Fächerstrukturen dargestellt werden“, sagt Bettina Schönfelder. Im Film von Kerstin Ergenzinger gibt es dann eine besondere Begegnung mit dem Werk: Getanzt von Mitgliedern des Badischen Staatsballetts, fängt die Medienkünstlerin „mit spielerischer Fantasie und dokumentarischem Ernst“ die Gedankenwelt Becks ein.

Kunsthistorikerin Schönfelder hat mit der Aufstellung der berühmten „Klangstraße“ ein weiteres wichtiges Thema der Bildhauerin aufgegriffen: die Beziehung von Figur, Raum und Klang. Von Kindheit an war die gebürtige Stuttgarterin davon überzeugt, dass jeder Figur auch ein Klang innewohne und jeder Klang auch eine Figur enthalte. Und so wird es heute zur Eröffnung eine Musikperformance mit der zwischen 1972 und 1974 entstandene „Klangstraße“ geben, für die auch Stockhausen eine Komposition geschrieben hat. In der Galerie zum Hof schließlich verweist die Ausstellung mit den frühen, als „Stelen“ bezeichneten Arbeiten, denen die menschliche Figur zugrunde liegt, auf Gerlinde Becks Beeinflussung durch Oskar Schlemmer und sein „Triadisches Ballett“ mit dem wunderbaren Schlusspunkt, der Plastik „Gestörte Präszision – in memoriam 23.2.1945“, an die Zerstörung Pforzheims.

Eine Stadt, für die sich die Metallbildhauerin, unter anderem als Gründungsmitglied des Fördervereins Pforzheim Galerie, stets eingesetzt hat. Dort zeigt nun eine kleine Schau als Ergänzung unter anderem mit der 14-teiligen Zeichenserie „Bewegungen aus dem Tanzsaal“ aus dem Besitz der Sparkasse Pforzheim Calw und einigen Skulpturen aus städtischem, Enzkreis- und Privatbesitz, welche große künstlerische Kraft dieser zarten Frau innewohnte.