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Tiberinsel in Rom mit Kirche und Brücke von San Bartolomeo um 1826 bis 1828.
Tiberinsel in Rom mit Kirche und Brücke von San Bartolomeo um 1826 bis 1828.
Landschaften wie Traumgebilde: Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt die erste große Ausstellung von Camille Corot in Deutschland. Fotos: Miguletz
Landschaften wie Traumgebilde: Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt die erste große Ausstellung von Camille Corot in Deutschland. Fotos: Miguletz
Den Blick nach innen gekehrt: Camille Corots Gemälde „Algerierin“ aus den Jahren 1870 bis 1873.
Den Blick nach innen gekehrt: Camille Corots Gemälde „Algerierin“ aus den Jahren 1870 bis 1873.
Mit einer Video-Projektion entführt die Karlsruher Ausstellung zu Beginn nach Paris.
Mit einer Video-Projektion entführt die Karlsruher Ausstellung zu Beginn nach Paris.
28.09.2012

Zwischen Klassik und Moderne: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt „Corot“-Ausstellung

Skeptisch schaut der ältere Herr auf dem Foto, den Blick ruhig und mit einem Anflug von Melancholie nach innen gerichtet, so als wolle er sich und seine Welt infrage stellen. Doch nicht nur das kleine Bäuchlein, über dem sich die Weste spannt, lässt erahnen, hier ist ein Mann abgebildet, dem nichts Menschliches fremd ist. 64 Jahre ist Camille Corot (1796–1875) alt, als er sich von Pierre Lanith Petit fotografieren lässt in einer Pose, die auch die von ihm Porträtierten häufig einnehmen: Geheimnisvoll in sich gekehrt wirken sie, mit einer großen Distanz zwischen sich und dem Betrachter.

Zögerlich nur scheinen sie sich der Welt nähern zu wollen. Eine Welt, die sich im permanenten Umbruch befindet. Von Napoleon über den Bourbonenkönig Ludwig XVIII., bis zur Julirevolution 1830, der Machtergreifung Napoleon III., dem deutsch-französischen Krieg und der Pariser Kommune von 1871. „Eine Epoche der größten Verwerfungen auch in der Kunstgeschichte“, sagt Pia Müller-Tamm, Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Die richtet dem „bekannten Unbekannten“ Corot eine Große Landesausstellung aus, die erste bedeutende Monografie auf deutschem Boden.

Corot ist ein Kind dieser Zeit, „der letzte Klassizist und der erste Moderne“, sagt Kuratorin Margret Stuffmann. Eingebettet in die klassischen Landschaften von Nicolas Poussin und Jean-Victor Bertin und die impressionistischen von Monet und Cézanne zeigt die Ausstellung einen Künstler, der seinen eigenen Weg geht. Landschaften sind dabei sein wichtigstes Thema, vor Ort im Freien gemalt, von stark flächiger Auffassung geprägt und durch die Farbigkeit in ihrer Stimmung festgelegt. Corot malt die italienischen Landschaften rund um Rom, bewegt sich in der Darstellung immer weiter weg von dem, was er sieht, zu dem was er fühlt.

Rund 50 Porträts malt Corot in seinem Leben: liebevolle Bilder von Menschen seiner Umgebung, die bürgerlichen Wohlstand ausstrahlen. Er reist viel, legt sich einen imaginären Bilderfundus zu, auf den er in immer traumhafteren Gemälden zurückgreift. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entfernen sich seine Arbeiten zunehmend von der realistischen Darstellung, sind gemalte Tagträume, die eine Welt wie hinter einem hauchdünnen Bühnenvorhang zeigen. Die Figuren verschmelzen dabei mit der überwältigenden Natur, deren große Kraft sich hinter dem silbergrauen Schleier nur mühsam verbirgt. Großartig seine „Baumlandschaft“ mit jungem Hirten von 1855/1865, von der es – auch in der Ausstellung – nur einer kurzer Weg ist bis zu Cézannes in Farbflächen aufgelösten „Blick aufs Meer bei L’Estaque“ von 1898. „Natur und Traum“ – nur bei wenigen Malern sind sie sich so nah, wie bei Camille Corot. „Er erstaunt langsam“, hat Charles Baudelaire über den Maler gesagt. Eine Feststellung, die sich Schritt für Schritt durch diese mit 170 Werken üppig bestückte Ausstellung nachvollziehen lässt.