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Bunt und schrill, quirlig und überreizt: Das Premierenstück im Podium war mit vielen Effekten aufgeladen.  Fotos: Haymann 
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Zwischen Parodie und Botschaft: Überdrehte Farce „Es war einmal Europa“ von Miroslava Svolikova

Pforzheim. Wenn das Theater sich selbst auf die Schippe nimmt, hat das Publikum seine helle Freude. So auch im Podium des Pforzheimer Theaters bei der Premiere von „Es war einmal Europa“.

Die Wiener Autorin und derzeitige Theaterhoffnung Miroslava Svolikova kennt den alten Trick, einem schwachen Text auf der Bühne zum Erfolg zu verhelfen, und ihr neuestes Stück „Der Sprecher und die Souffleuse“ lebt ganz davon. Tatsächlich ist auch die Pforzheimer Komödie mit dem absichtlich umständlichen Titel „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ auf solche Unterstützung angewiesen.

Denn das Stück ist keines, und seine Botschaft, wenn es denn eine hat, geht im kunterbunten Wirbel der Inszenierung von Cornelia Maschner lärmend unter. Was stellenweise wie ein Abgesang auf das untergangene Europa anmutet und allerlei aktuelle Themen aufgreift, ist ein Spektakel aus fröhlichem Klamauk, kruden Tiraden und altbewährten Mustern, die sich mal bei Kafka und Pirandello, mal auch bei schriller Comedy bedienen. Dabei beweist sich die Autorin besonders als Virtuosin der ausufernden Textflächen. In der Jonglage zwischen zugespitztem Sprachwitz à la Jandl und selbstgenügsamen Wortgirlanden gelingen Svolikova wirkungsvolle Momente, denen allerdings fehlt, was die Bühne verlangt: szenische Kraft.

Die Autorin nennt ihren Stil „performatives Sprechen“, das auf psychologische Schlüssigkeit und festgelegte Rollen ausdrücklich verzichtet. Das führt zu einer Dramaturgie der Beliebigkeit, in der das Theater eine legitime Aufgabe erfüllen kann: spielerisch die Welt zu erkunden, ein Thema auszuloten und Fantasien des Möglichen zu erproben. Sich zurechtzufinden im Irgendwo, zwischen Mythos und Utopie, eine neue Wirklichkeit zu suchen zwischen Gestern, Heute und Morgen und realistische Versatzstücke nur noch als fiktives Material zu zitieren – diesem Konzept folgt die Aufführung 80 Minuten lang.

Da erscheinen drei „Figuren“, die eine „Ausschreibung gewonnen“ haben, und warten auf ihre Aufgabe. Einstweilen führt ein Hologramm-Cicerone sie durch ein imaginäres Museum, in dem Relikte Zeugnis ablegen von einer trüben, nicht verwundenen Vergangenheit. Eine grell verzeichnete „Regisseurin“ gibt der Sinnsuche der verzweifelnden „Bewerber“ in deren Angst vor Aussortierung absurde Impulse, bis am Ende die Ausschreibung zur blutigen Ausschreitung ausartet, das Prinzip Hoffnung, mit dem ein flirrender „Stern“ aus der einstigen Europa-Fahne eine heile Welt beschwört, krude ausgelöscht und auch der allwissende Führer in der Toilettenschüssel ersäuft ist.

Die diffuse Handlung verrät und erzeugt Ratlosigkeit. Die junge Regisseurin Maschner greift in ihrer Not zu allem, was an Augenpulver, Schocks und komödiantischen Klischees zur Verfügung steht, um den Text mit szenischem Leben zu füllen. Die pointierten Kostüme (Paulina Immig) und die gut gemachten musikalischen Einlagen (Michael Lieb) sorgen für zusätzliche Effekte. Aber nur gelegentlich glücken im hochtourigen Leerlauf der Inszenierung nachhaltige Momente.

Was bleibt, ist der Spielfreude des jungen Ensembles überlassen, in dem einige Darsteller hier ihr Pforzheimer Debüt geben. Myriam Rossbach, Nicolas Martin und Alexander Doderer spielen neben den drei „Bewerbern“ auch die absonderlichen Museumsobjekte. Daniel Kozian ist das dämonische Hologramm, Nasra Belina Mohammed-Ali irrlichtert als Stern durchs Geschehen, und Nika Wanderer macht aus der überdrehten Regisseurin eine witzige Studie, die bei der Premiere vor allem den vielen Theaterleuten im Publikum demonstratives Vergnügen bereitete. Zum Spielzeit-Auftakt setzt diese anarchische Europa-Farce einen knalligen Akzent.