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Die Band Rammstein um den Sänger Till Lindemann. Foto: Larsen/Universal Music

Zwischen Sex und Politik: Nach zehn Jahren erscheint neues Rammstein-Album

Berlin. Rammstein-Songs sind selten eindeutig. Die Texte von Sänger Till Lindemann funktionieren oft auf unterschiedlichen Ebenen. Videos sind gern mal zwielichtig. Die Interpretationsspielräume, das martialische Auftreten in Videos und auf der Bühne, nicht zuletzt Zitate von NS-Ikone Leni Riefenstahl haben einer der weltweit erfolgreichsten deutschen Bands oft den Vorwurf eingebracht, weit am rechten Rand zu spielen.

Mit ihrem titellosen Studioalbum positioniert sich Rammstein nun anscheinend auf der anderen Seite.

Es ist das siebte Studioalbum und enthält wie seine Vorgänger elf Songs. Und die Fan-Gemeinde dreht weltweit schon am Rad. Videos zu „Deutschland“ und „Radio“ klickten in kurzer Zeit im zweistelligen Millionenbereich. Die erste Auskopplung „Deutschland“ startete von Null auf Eins in die deutschen Single-Charts. Nach zehn Jahren ohne neues Album haben die Musiker Ende März das „Deutschland“-Video mit einer sofort von Protesten begleiteten Provokation angekündigt: In der kurzen Sequenz, die im kompletten Video kaum noch eine Rolle spielt, sind Mitglieder der Band in Kleidung zu sehen, die an die von KZ-Häftlingen erinnert.

Dabei ist der Song selbst eine ebenso brutale wie wenig nationale Abrechnung mit 2000 Jahren Geschichte eines Landes, dem Rammstein sagt: „Meine Liebe kann ich dir nicht geben“. Es ist zuviel „übermächtig, überflüssig, Übermenschen, überdrüssig“. Doch schon die nächste Zeile birgt Ungemach: „Deutschland, Deutschland über allen“. Werden sich alle mitgrölenden Fans bei der anstehenden Stadion-Tour an das Rammsteinsche „n“ am Ende halten?

Genau hingehört haben die in der DDR aufgewachsenen sechs Rammstein-Mitglieder für den Song „Radio“. Das Lied ist ein Schrei gegen Zensur und Unterdrückung. „Zeig Dich“ ist hingegeben eine Abrechnung mit dem Teil des Klerus, dessen Vertreter sich „aus Versehen an Kindern vergehen“, alles stets „im Namen des Herren“. Ein weiterer starker Song ist „Puppe“. Text und Musik machen die sich steigernde Verzweiflung eines Jungen spürbar, der durch das Schlüsselloch beobachten muss, wie sich seine Schwester im Nachbarzimmer prostituiert und schließlich von einem ihrer Freier beim Akt ermordet wird.

Musikalisch ist auf dem Album sehr viel Rammstein-DNA zu hören. Die Riffs der Gitarristen Richard Kruspe und Paul Landers sind hart und eingängig, oft auch überraschend. Zitiert werden Kraftwerk und Anne Clark, Gregorianische Gesänge, Krautrock und Techno. Der Kick, der Rammstein im Vergleich zu anderen Martial-Rockern so besonders macht, sind erneut die intelligenten musikalischen Phrasen und Linien, die Christian „Flake“ Lorenz mit seinen Tastengeräten einbringt.