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Vor den neckischen Spielchen der Stelzenläufer Christian Dirr und Nicolas Ensch ist keiner sicher.
Vor den neckischen Spielchen der Stelzenläufer Christian Dirr und Nicolas Ensch ist keiner sicher.
Joerg Baesecke und sein Zollstock erzählen dem gespannt lauschenden Publikum jede Menge fantastischer Geschichten. Fotos: Meyer/Molnar
Joerg Baesecke und sein Zollstock erzählen dem gespannt lauschenden Publikum jede Menge fantastischer Geschichten. Fotos: Meyer/Molnar
András Lénár lässt das Publikum gerne mitspielen.
András Lénár lässt das Publikum gerne mitspielen.
Nicole Weißbrodt und ihre alte Dame.
Nicole Weißbrodt und ihre alte Dame.
24.07.2017

Zwölftes Internationales Straßentheater-Festival

Pforzheim. Wer glaubt, mit einem Zollstock nur messen zu können, hat sich getäuscht. Ein Haus, ein Hähnchen, ja sogar ein Fuchs lässt sich aus dem Meterstab falten – und geschickt in eine Geschichte einbauen. Joerg Baesecke von der „Kleinsten Bühne der Welt“ Pullach braucht nichts weiter als seine Finger und Zollstöcke, um einen kurzen Western, Horrorfilm und das russische Märchen vom „Hähnchen Goldkämpchen, der Handmühle und dem Eichbaum“ zu erzählen.

Wie dieser durch die Decke bis in den Himmel wächst, zeigt Baesecke mit einem komplett ausgeklappten Zollstock, für das Hähnchen macht er daraus einen zickzackigen Kamm. Viele Zuschauer haben sich um den agilen Miniaturtheaterspieler in der Fußgängerzone versammelt – was den 63-Jährigen freut: „Die Leute kommen hier gezielt, man muss sie nicht erst anbaggern.“

Zum zwölften Mal veranstaltet das Kulturamt in Zusammenarbeit mit dem Figurentheater Raphael Mürle das Internationale Straßentheaterfestival mit Figuren, acht Theaterkompagnien nehmen teil. Trotz des wechselhaften Wetters schlendern die Besucher von einem Spielort zum nächsten, werden unterwegs von Christian Dirr und Nicolas Ensch auf ihren 3,50 Meter hohen Stelzen geneckt und gejagt. Die bunten „Ringelschlingel“-Kostüme des Stelzentheaters Circolo aus Trier sind schon von weitem zu sehen. Mobil sind auch die mit Koffern schwer bepackten Maskenspieler „Brammert und Beertje“ vom niederländischen Theater van de Droom, die mit Improvisation und Pantomime das Laufpublikum überraschen. Über den Tag verteilt, sind es über 1000 Besucher, schätzt Raphael Mürle, der selbst einen Probeneinblick in sein im Oktober auf die Bühne kommendes Stück „Nix perfekt – der Charme des Makels“ gewährt. In vier Szenen zeigt er Figuren ohne Beine, magnetisch verschobene Puzzle-Gesichter und Kreaturen, die ihr Alter vertuschen wollen.

Unterm Dach des Neuen Rathauses sind die Besucher geschützt, das Berliner Theater Lakritz muss indes mehrmals wegen plötzlicher Regengüsse warten oder gar abbrechen. Doch wenn Puppenspielerin Nicole Weißbrodt erst einmal mit ihrer verruchten Glamour-Lady in Fahrt kommt, weiß sie sofort zu begeistern. Als Pflegerin Nikki mit roter Perücke begleitet sie die einstige „Showmasterin“ Clarissa, die mit verknautschtem Gesicht, goldener Hose und Cocktail im Rollstuhl sitzt – und mit derber Reibeisenstimme spricht. Weißbrodt hat die liebenswerte Figur selbst gebaut, rollt sogar den roten Teppich für sie aus und bezieht die Zuschauer mit Fragen wie „Wohin fährt ein Skelett in Urlaub?“ ein.

Fünf Stücke kommen ohne Worte aus, die poetischen Miniaturen mit Musik von András Lénárt zum Beispiel. Über einer Glasplatte mit Wellen lässt der ungarische Puppenspieler des Theaters Micropodium eine kleine Meerjungfrau mit einem Ball tanzen oder einen Clown seine Ziehharmonika spielen. Auch eine grazile, an Angelschnüren befestigte Ballerina bewegt sich anmutig zu ruhiger Musik. Jeder Schritt, jede Geste ist auf faszinierende Weise zu beobachten – auch auf den Händen von Besuchern.

Nicht jeden Geschmack trifft die erstmals mitwirkende Compagnie Mue Marionettes aus Frankreich mit ihrem Stück „L’Etraine – Die Umarmung“. Geheimnisvoll räkeln sich hier ein Mann und eine Frau empor, kommen sich langsam näher. Das wunderschöne, aber etwas düstere Figurenspiel von Valerio Point wird von Bassklarinettist Guillaume Christophel begleitet – mit teils schrillen Klängen. Während sich manche Kinder dabei ängstigen, lachen andere lauthals über das Kasperletheater „Gugelhupf“ von Frieder Kräuter (65) aus Gernsbach, der in einem blau-weißen Häuschen eine verworrene Geschichte spielt. Drunter und drüber geht es bei Kasper, Hund, Krokodil und dem „Deifl“, da wird wild mit der Blechpfanne geschlagen und mit der Mundharmonika getönt. „Das volle Programm“ verspricht die Figur mit der typischen Zipfelmütze – das hat das Publikum beim Straßentheaterfestival an jeder Ecke.