nach oben
Porträt: Die zeitgenössische Zeichnung aus dem Jahre 1913 zeigt den Amokläufer Ernst Wagner, der in der Winnender Irrenanstalt zum Dichter wurde.
Porträt: Die zeitgenössische Zeichnung aus dem Jahre 1913 zeigt den Amokläufer Ernst Wagner, der in der Winnender Irrenanstalt zum Dichter wurde.
Das Eingangstor  zum Gelände für Psychiatrie in Winnenden. 96 Jahre vor dem Amoklauf des Tim K. mit 16 Toten erlangte Winnenden schon einmal traurige Berühmtheit. Der damalige Mörder Ernst Wagner, der 14 Menschen auf dem Gewissen hatte, darunter viele Opfer in Mühlhausen/Enz, war in die dortige „Irrenanstalt“ eingeliefert worden.
Das Eingangstor zum Gelände für Psychiatrie in Winnenden. 96 Jahre vor dem Amoklauf des Tim K. mit 16 Toten erlangte Winnenden schon einmal traurige Berühmtheit. Der damalige Mörder Ernst Wagner, der 14 Menschen auf dem Gewissen hatte, darunter viele Opfer in Mühlhausen/Enz, war in die dortige „Irrenanstalt“ eingeliefert worden. © Bernd Weißbrod/dpa
20.03.2009

Amokläufer Ernst Wagner versetzte einst Mühlhausen an der Enz in Schrecken

Der Amoklauf an der Realschule in Winnenden hat auch dazu geführt, dass man sich einer vergangenen Bluttat erinnert: Der Amokläufer Ernst Wagner versetzte einst Mühlhausen/Enz bei Mühlacker in Schrecken.

Kaltblütig tötete er zunächst Frau und Kinder, legte anschließend ein Großfeuer an seinem früheren Arbeitsort und erschoss wahllos neun Flüchtende: 96 Jahre vor dem Amoklauf des Tim K. mit 16 Toten erlangte Winnenden schon einmal traurige Berühmtheit. Der damalige Mörder Ernst Wagner, der 14 Menschen auf dem Gewissen hatte, wurde in die dortige „Irrenanstalt“ eingeliefert – und zum Dichter. Bis nach Österreich drang damals die Geschichte des Amokläufers. Das „Vorarlberger Volksblatt“ berichtete fünf Monate später vom Prozess gegen den „irrsinnigen“ Stuttgarter Lehrer, der „gemeingefährlich erscheint“ und dem Ärzte „chronischen Verfolgungswahn“ attestierten.

Begonnen hatte alles zwölf Jahre vor der Tat. Ernst Wagner, geboren 1874, war damals Lehrer in Mühlhausen an der Enz und hatte sich an mindestens einer Kuh vergangen. Überzeugt davon, dass alle Einwohner auch noch nach so langer Zeit von seinem sexuellen Abenteuer wussten und sich über ihn lustig machten, wollte er sich und möglichst viele vermeintliche Mitwisser töten. Am Morgen des 4. September ermordete er in seinem Haus in Stuttgart zuerst mit einem Totschläger und einem Messer seine Frau Anna sowie seine zwei Söhne und zwei Töchter. Anschließend, so wird berichtet, holte er seine Revolver, fuhr mit dem Rad zum Bahnhof und nahm von dort den Zug nach Mühlhausen.

Dort legte er an vier Stellen Feuer und wartete in einem Versteck auf die Bewohner. Wahllos schoss er auf diejenigen, die sich vor den Flammen retten wollten. Zwei „am hervorragendsten beteiligte“ Polizisten überwältigten ihn nach einer langen Jagd durch den Ort. „Ich sprang nun dem Wagner sofort nach und versetzte ihm (...) den ersten Streich mit meinem Säbel über das Gesicht“, gab Polizist Tobias Kientsch zu Protokoll.

Vermutlich habe sich Wagner im anschließenden Scharmützel mit den Füßen in den Schnüren für seine Revolver verwickelt. „Er erhielt dann von uns noch mehrere Streiche, bis er niederstürzte“, schrieb der andere Polizist Wilhelm Bürle. Hätten ihn die beiden nicht überwältigt, wäre er zu seiner Schwester nach Ludwigsburg weitergefahren und hätte auch sie getötet. Das habe die Auswertung seines Tagebuches ergeben, heißt es. Anschließend, so ist überliefert, wollte er das Ludwigsburger Schloss anzünden und sich im Bett von Herzog Carl Eugen erschießen.

Nach seiner Einlieferung in die „Irrenanstalt“ in Winnenden ging er, wie es im Internetauftritt des heutigen Zentrums für Psychiatrie heißt, in die Psychiatriegeschichte als der Massenmörder Wagner ein. Zugleich wurde er zur Inspiration für Hermann Hesses Novelle „Klein und Wagner“. Der Mann, der sich bei der Nachricht von der Beerdigung seiner Opfer einem Zeitungsbericht zufolge „vollkommen gleichgültig“ zeigte, wurde selbst zum Literaten. Er schrieb Gedichte, Flugblätter und Dramen. In ihnen ging es vor allem um Wahn. An den Intendanten des Nationaltheaters in Mannheim schrieb er mit der Bitte, er möge sich seine Einsendung, „insbesondere den „Saul“ gründlich anschauen. Denn das Theater habe kürzlich ja auch ein Werk Schillers, ebenfalls ein Schwabe, „auf die Bretter gebracht“. Berühmt wurde Wagner mit seinen Stücken nicht – nur mit seiner blutigen Tat. 1938 starb er in der Winnender Psychiatrie an Tuberkulose.

www.zpn.de  

www.landesarchiv-bw.de