nach oben
Einsteigeversuch  in eine Stadtbahn auf Gleis 1 in Mühlacker: Behindertenbeauftragter Karl Bernhardt (rechts) weist einen Rollstuhlfahrer aus Mühlacker auf 80 Zentimeter Höhendifferenz hin.
Einsteigeversuch in eine Stadtbahn auf Gleis 1 in Mühlacker: Behindertenbeauftragter Karl Bernhardt (rechts) weist einen Rollstuhlfahrer aus Mühlacker auf 80 Zentimeter Höhendifferenz hin. © Ralf Fischer (4)
04.09.2008

Behinderte hilflos an Gleis 1: Verwaltung drängt auf Umbau

MÜHLACKER/STUTTGART. So schnell wie möglich soll der Bahnhof in Mühlacker seine Schrecken für Behinderte verlieren. Darauf drängt die Verwaltung. Rollstuhlfahrer könnten hier nur die Schalterhalle erreichen, sagen Betroffene.

In einem ausführlichen Brief an die Konzernzentrale der Bahn in Stuttgart hat Bürgermeister Winfried Abicht in Aussicht gestellt, sich im Gemeinderat für eine finanzielle Beteiligung der Stadt einzusetzen. Als Gegenleistung soll die Deutsche Bahn zügig ihre Kostenschätzung für den Umbau des Bahnhofs in Mühlacker auf den Tisch legen. „Wir haben auf dieses Schreiben bisher keine Antwort erhalten“, sagte Ordnungsamtsleiter Jörg-Michael Teply zur PZ. „Wir stehen in Abstimmungsgesprächen“, erläuterte eine Bahn-Sprecherin in Stuttgart die Zurückhaltung des Unternehmens. Bundesmittel müssten für solche Vorhaben ebenso fließen.

Heftige Kritik von Betroffenen

„Mit unserem Bahnhof Mühlacker kann ich leider nichts anfangen“, betonte Rollstuhlfahrer Claus Beilhofer aus Mühlacker. Sein Straßen-Rollstuhl habe ein Gewicht von 250 Kilogramm und sei von einer Betreuungsperson allein nicht mehr zu bewältigen. Zwar könne er Bahnsteig 1 noch erreichen, dort sei aber der Höhenunterschied am Einstieg in einen Zugwagen nicht mehr zu überwinden. Nur die Haltestelle am Rößlesweg in Richtung Illingen sei für Rollstuhlfahrer bedingt geeignet. „Seit Jahren wird die Prioritätenliste der Bahn für den Umbau vieler Bahnhöfe angeführt, aber zu konkreten Schritten ist es bisher nicht gekommen. Wir wollen ins Bahnhofs-Modernisierungsprogramm aufgenommen werden“, sagte Teply. Er geht von Umbaukosten von 1,8 Millionen Euro aus, um den Bahnhof in Mühlacker für Behinderte barrierefrei zu machen und alle Bahnsteige deutlich zu erhöhen. Sonst müsste die Stadt mittelfristig noch um ihre Intercity-Anbindungen bangen. Der Vorsitzende des Sozialverbandes VdK in Mühlacker, Klaus Bernhardt, machte am Abend die Probe auf‘s Exempel. Der Bahnhof sei aus Sicht eines Behinderten in einem „unmöglichen Zustand“. Nur mit Aufzügen hinab in die Unterführung und hinauf zu den Bahngleisen ließen sich diese Hindernisse überwinden. Rampen dürften nicht zu steil sein. Nach Einschätzung des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), dessen Landeschef Matthias Lieb aus Mühlacker vehement für die Modernisierung der Knotenbahnhöfe in Pforzheim und in seiner Heimatstadt kämpft, müssen 800 Meter Bahnsteige um 55 Zentimeter angehoben werden. Mühlacker könne zum Modellbahnhof werden, um hier die Steigungs-Grade von Rampen für Rollstuhlfahrer zu erproben.