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24.09.2009

Dürrner war mit dem Rad insgesamt 5200 Kilometer unterwegs

ÖLBRONN-DÜRRN. Reinhard Kappes hat innerhalb von sieben Wochen viel gelernt: über die Sehnsucht nach Frieden, über Freigiebigkeit trotz Armut und über sich selbst. Er ist mit dem Rad von Paris nach Moskau gefahren.

Der 62-jährige aus Dürrn ist als Kolonnenführer der Radfahrer aus 15 Nationen die rund 4200 Kilometer lange Strecke bis Moskau in die Pedale getreten (PZ hat berichtet). Seine Mitfahrer sind nur ein paar Tage, zwei Wochen oder eben die komplette Strecke der Friedensfahrt „Bike for peace and New Energies“ (siehe zum Thema) mit ihm unterwegs gewesen.

Mit dem Flugzeug flog der Dürrner nach der offiziellen Friedensfahrt nach Berlin, um von dort aus alleine mit seiner Lebensgefährtin Doris Brandt weiter unter der regenbogenfarbenen Friedensflagge nach Hause zu radeln. Am Schluss war der Dürrner insgesamt 5200 Kilometer im Fahrradsattel unterwegs.

„Von Paris bis Worms sind es 50 Radfahrer gewesen, sonst waren es zwischen neun und 20“, beschreibt der Friedensfahrer den Start der Tour. Neun Weggefährten – acht Deutsche und eine Russin – waren die gesamte Strecke mit dem ehemaligen Bildungssekretär unterwegs. „Und die lernt man bei so etwas natürlich sehr gut kennen. Die Erlebnisse sportlicher und menschlicher Art schweißen sehr zusammen“, erzählt er. Das sei sogar so weit gegangen, dass sich seine Mitradler innerhalb von zwei Wochen abends gleich bei Ankunft im Quartier immer nach einer Steckdose für ihn umgeschaut hätten. Kappes muss wegen Schlaf-Atemstörungen (Schlaf-Apnoe) nachts eine strombetriebenes Gerät tragen. Neben der Gemeinschaft untereinander weiß der 62-Jährige auch die Erfahrung eigener körperlicher Grenzen, die menschlichen Begegnungen und das Erleben unterschiedlichster Landschaften nach dieser Fernfahrt zu schätzen. „Es ist erstaunlich, wie viel der Körper ertragen und wie viel Energie er freisetzen kann.“

Dass schöne Landschaften auch manchmal ihren Nachteil haben, hat der Radfahrer in Polen erfahren, als die Strecke über tiefe Sandwege führte und ein Fortkommen oft nur durch Absteigen und Schieben des Rades möglich war. „Üblicherweise sind wir von neun Uhr morgens bis 18 Uhr abends gefahren. Aber zweimal kamen wir durch die Wege erst kurz vor Mitternacht an“, erinnert er sich.

In Weißrussland habe ihn die Offenheit der Menschen sehr beeindruckt. „Trotz Sprachprobleme hatte ich spannende Gespräche“, erinnert er sich. Auch habe er dort in dem als rückständig geltenden Land eine ganz neue Facette deutscher Geschichte kennengelernt, die ihm bis dahin fremd war.

In der Nähe von Minsk haben die Friedensfahrer die nationale Gedenkstätte Chattyn besucht und eine deutsche Führung erhalten: „186 Stein-Quadrate und ebenso viele einzelne Glockentürme erinnern an die Vernichtung dieser Dörfer durch die Deutschen“, berichtet er. Dennoch würden die Menschen dort zwischen den Verbrechen der Nazizeit und den deutschen Besuchern heutzutage trennen. Und als Besucher hat sich der 62-Jährige speziell in Weißrussland oft willkommen gefühlt. „Wir kamen einmal in einem kleinen Dorf an und eine Frau hat sich über die vielen bunten Radler gewundert und nachgefragt, wer wir sind. Nach der Antwort war sie kurz weg und kam dann mit einer Schachtel Pralinen und jede Menge Obst für uns zurück“, berichtet er.
Begegnungen ganz anderer Art hatten die Friedensfahrer vor Moskau, wo die Polizei für sie die sechsspurige Autobahn eine Stunde lang sperrte. „Es war schon eine Erlebnis auf den Roten Platz zu fahren und von einem ehemaligen russischen General empfangen zu werden“, betont Kappes. Schließlich sei die Fahrradkolonne ja auch die ganzen 4200 Kilometer über eine Demonstration gewesen.