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PZ-Volontärin Miriam Münderlein verbrachte eine Nacht auf der Nachtbaustelle am Mühlacker Rössleweg und fuhr in einem Zweiwegebagger mit. Fotos: Fotomoment
Schwerstarbeit bei Dunkelheit, Wind und Wetter.
05.04.2014

Dunkel und gefährlich: Eine Nachtschicht auf der Baustelle

Lärmschutzarbeiten werden häufig in die Nacht verlegt, weil sie vom Gleis aus gemacht werden müssen. Andernfalls würden sie den täglichen Zugverkehr stören. Eine solche Nachtbaustelle befindet sich derzeit auch in Mühlacker. Dass die Arbeiten im Gleis weder leicht noch ungefährlich sind, durfte PZ-Volontärin Miriam Münderlein in ihrer Nachtschicht erfahren.

Bildergalerie: Eine Nachtschicht auf der Nachtbaustelle in Mühlacker

Der Boden vibriert, ich höre ein Zischen und schon ist er da: Ein Güterzug donnert vorbei. Reflexartig ziehe ich den Kopf ein. Der Luftzug ist enorm, es wird kalt. Gewöhnlich bewege ich mich nur auf Bahnsteigen, heute Nacht jedoch stehe ich am Rande der Gleise.

Die Nachtschicht auf der Baustelle der Deutschen Bahn an der Haltestelle Rössleweg beginnt um 22 Uhr. Ich sitze mit einem sperrigen Helm und schweren Sicherheitsstiefeln bei Fahrer Marco Reichel im Zweiwegebagger. Darin können wir uns nicht nur auf dem Boden, sondern auch auf Schienen bewegen. In der Kabine ist es eng, für meine langen Beine finde ich nur wenig Platz. Aber die Heizung läuft und es ist warm. Ganz im Gegensatz zu draußen. In dieser Nacht hat es um die null Grad. „Das geht noch“, sagt Bauleiter Peter Bürkle von Bilfinger Regiobau, der für die Lärmschutzarbeiten am Mühlacker Rössleweg verantwortlich ist. „Vergangenen Winter hatten wir nachts beim Arbeiten teilweise minus 15 Grad. Hinzu kommen oft Regen und Schnee.“ Ich bekomme große Augen und mache keinen Mucks mehr. Am Lager nahe des Hauptbahnhofs Mühlacker haben schwere Maschinen die Anhänger unseres Baggers beladen. Es ist jetzt kurz vor 23 Uhr. Mit uns warten noch zwei weitere Bagger darauf, das Baumaterial vom Lager zur eigentlichen Nachtbaustelle am Rössleweg zu bringen. Das Startsignal kann nur einer geben: Baggerfahrer Reichel und seine Kollegen nennen ihn den „4.2“. Reichel merkt, dass ich damit nichts anfangen kann und sagt: „Das ist der Technische Berechtigte, der abklärt, ob alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden.“ Denn sicher sind wir erst, wenn durch die Oberleitung kein Strom mehr fließt. Dazu wird er in die Erde abgeleitet. Erdung nennt man das. Vage erinnere ich mich an den weit zurückliegenden Physikunterricht in der Schule. Zusätzlich wird für einige Zeit das parallel verlaufende Nachbar-Gleis gesperrt, damit wir uns auf den Schienen sicher bewegen können.

Die Züge werden jetzt also mittels Weichen auf das zweite Gleis umgeleitet. Irgendwie ist mir aber immer noch mulmig. Zwischen unserem Gleis und dem, das die Züge befahren, ist zwar eine Absperrung, von den vorbeirauschenden Zügen trennen mich aber nur rund eineinhalb Meter. Hoffentlich funktionieren die Weichen richtig, denke ich mir. Marco Reichel hingegen ist ziemlich ruhig. Er macht das schließlich schon länger. „Die Nacht geht ganz gut vorbei“, sagt er. „Man kommt zwar ein wenig aus dem Rythmus, aber das geht schon.“ Sein Kollege in Bagger Nummer zwei gibt zu: „Ich falle meist so gegen drei Uhr in ein Müdigkeits-Loch.“ Was hilft? „Cola“, sagt er und lacht. Die beiden sind wie Bürkle Teil der Bilfinger-Crew aus Freiburg, die voraussichtlich noch bis zum Sommer hier in der Gegend ist. Denn: Wenn die 925 Meter lange Lärmschutzwand in Mühlacker steht, geht es in Enzberg weiter. Unter der Woche wohnen die Arbeiter in einem Hotel in der Mühlacker Innenstadt. Je nach Schicht kann es sein, dass sie nur zwei Tage die Woche zuhause verbringen. „Wenn die Familie nicht mitmacht, geht das nicht lange gut“, sagt Bauleiter Bürkle, der tagsüber organisiert und verwaltet und nachts nur in Notfällen auf der Baustelle ist.

Das Klingeln des Telefons macht unserem Warten schließlich ein Ende. Der „4.2“ gibt Bescheid, wir können losfahren. Der Bagger setzt sich in Bewegung. Überraschend leise ist es in der Kabine. Zur Baustelle fahren wir nur knapp einen Kilometer – nach wenigen Minuten sind wir da. In dieser Nacht setzen die neun Männer der Nachtschicht Beton-Sockel ein. Polier Dirk Holderied koordiniert die einzelnen Bagger und Arbeiter. In Vorarbeit haben sie Pfosten gesetzt, zwischen die jetzt die Sockel eingelassen werden. Das geht ruckzuck und alles in Teamarbeit: Einer der Zweiwegebagger macht den Erdaushub, der andere lässt die Sockel ein – alles von den Gleisen aus. Damit die Sockel ihren Weg in die Erde finden, helfen zwei Männer am Boden mit. Auf diese Fundamente kommen schließlich die Lärmschutzelemente. „Die hier werden sogar vielfarbig“, sagt Bürkle. Den Arbeitern ist das erst einmal egal. Sie verrichten ihre Aufgaben schnell, kommuniziert wird – bedingt durch den Baulärm – laut und über kurze Zurufe. Die Kollegen verstehen sich auch ohne große Worte, ich jedoch weiß nicht, worüber gesprochen wird.

Jetzt sitze ich nicht mehr im Bagger, sondern beobachte die Männer vom Rande der Gleise aus. Das geschotterte, teils aufgebuddelte Gelände ist unwegsam, hinzu kommt die Dunkelheit. Meine schweren Stiefel machen mir das Gehen nicht leichter. Allein das macht mich sehr müde. Um zwei Uhr ist Bürkle und mir aber unglaublich kalt. Den Männern geht es nicht so, die Arbeit hält sie warm. Ich selbst darf nicht mit anpacken, das wäre zu gefährlich. „Meine Kollegen sind hoch qualifiziert“, erklärt Bürkle. „Gerade in Bezug auf Sicherheit werden sie ständig geschult.“ Auf die Baustelle kommt man nur mit Leuchtweste, Helm und Sicherheitsschuhen. Eine Einweisung habe auch ich bekommen. Ich nehme sie mir sehr zu Herzen. Schließlich will ich heute noch heil ins Bett kommen.Um mir weitere technische Details zu erklären, nimmt mich Bürkle mit ins Baubüro nach Enzberg. Dort hatten wir wenige Tage zuvor bereits wichtige Details besprochen. Jetzt gibt es heißen Kaffee und ein kleines Vesper. Die Jungs am Gleis pausieren vor Ort in einem Container.

Die restlichen Stunden gehen schnell vorbei. Gegen 6 Uhr müssen die Jungs mit ihrer Arbeit fertig sein. Dann wird der Strom wieder eingeleitet und das Gleis für den Zugverkehr freigegeben. Die Fahrgäste sehen an diesem Morgen erst einmal keine Arbeiter mehr, dafür aber eine Baustelle, die für viele unbemerkt fortgeschritten ist.

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