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Sitzen künftig gemeinsam für die CDU im Mühlacker Gemeinderat: Johannes (links) und Günter Bächle aus dem Stadtteil Lienzingen. Lutz/Archiv

Familiensache Gemeinderat? Wahl-Besonderheiten in der Region

Enzkreis. Familiensache Gemeinderat? Eltern-Kind-Gespanne sind erstaunlich häufig nach den Wahlen am Sonntag. Diese und andere Besonderheiten hat sich die PZ einmal genauer angeschaut.

Am Tag nach der Stimmauszählung war in den meisten Kommunen durchatmen angesagt. Nach dem üblichen Marathon für alle Helfer. Das erste komplette Ergebnis haben dieses Mal die Wurmberger um Hauptamtsleiter Patrick Hofstetter an die PZ geschickt. Bereits am Sonntag kurz vor Mitternacht. Wie lange die Arbeit teilweise gedauert hat, zeigt eine Mail von Engelsbrands Ordnungsamtsleiter Uwe Adler, die die PZ am frühen Montagmorgen erreicht hat: um 3.05 Uhr. Lange Abende bescheren Wahlen auch den Zeitungen. Manchmal passieren dann kuriose Dinge. Bei der Analyse der Engelsbrander Ergebnisse schrieb die PZ, SPD und Bürgerliste seien „zu fünft stärkste Fraktion“ geworden – mit fünf Sitzen also. In der späten Korrektur wurden daraus die „fünftstärkste Fraktion“. Was schwierig wäre in einem Gremium, in dem vier Fraktionen vertreten sind. Nein, SPD und Bürgerliste liegen auf Platz eins. Punkt. 

Remchingens Gemeinderat wird heiß mit dem Einzug von drei Räten der Bürgerliste um Alt-Bürgermeister Wolfgang Oechsle. Im Wahlkampf gab es Streit um Behauptungen der neuen Gruppierung. Den Tag nach der Auszählung nutzte die Bürgerliste nun zur Attacke auf drei Gemeinderatsfraktionen, die sie im Wahlkampfzwist heftig kritisiert hatten. Da zeichnet sich was ab. 

Durch eine Änderung der Rechtslage ist es bei dieser Wahl auch in kleineren Kommunen möglich gewesen, dass enge Verwandte gemeinsam ins Gremium einziehen. Tatsächlich ist dies in der Region gleich mehrfach der Fall gewesen: Mit Günter und Johannes Bächle sitzen beispielsweise künftig Vater und Sohn für die CDU im Mühlacker Gemeinderat. In Maulbronn haben es Till Neugebauer und Sohn Max geschafft, ein Mandat für die SPD zu erringen. Ähnlich ist das auch in Kieselbronn: Eva Fritsch und Sohn Paul haben für die Kieselbronner Umweltliste jeweils einen Platz ergattert. Abschied nehmen muss man im Mühlacker Gemeinderat hingegen von zwei Schwestern, die das Gremium lange prägten: Heidi Roller und Karin Münzmay (beide SPD) wurden nicht mehr gewählt. Da die Große Kreisstadt über genügend Einwohner verfügt, was es hier bereits seit langer Zeit schon möglich, dass Verwandte gemeinsam Politik machen. Nicht blutsverwandt, aber verschwägert sind übrigens auch zwei Gemeinderätinnen aus Ispringen: Elisabeth und Natalie Vogt sitzen nun gemeinsam für die LMU im Gremium. 

Dass es immer mehr Bürger gibt, die an kommunalen Entscheidungsprozessen direkt beteiligt sein wollen, hat sich diesmal gerade in Wiernsheim und Illingen gezeigt. Dort haben mit der Liste „LAND“ und der „Neuen Liste 2019“ zwei Gruppierungen den Sprung in den Gemeinderat geschafft, die aus Bürgerinitiativen hervorgegangen sind. In Wiernsheim sicherte sich die Liste LAND mit dem bisherigen UL-Gemeinderat und Stimmenkönig Jörg Blessing (4013) an der Spitze auf Anhieb vier Sitze im Ratsgremium. Beherrschendes Wahlkampf-thema war bei der Liste LAND, die vor allem gegen Landverbrauch kämpft, das Engagement gegen den Supermarktstandort „Seite“ in der Heckengäugemeinde. Das brachte der neuen Gruppe offenbar Wählerzuspruch. Ähnlich ist wohl auch der Erfolg der „Neuen Liste 2019“ in Illingen zu erklären, die mit drei Kandidaten den Sprung in den Gemeinderat schaffte. Darunter ist auch Ingo Weimer, der als Sprecher der „Bürgerinitiative für den Erhalt des Wiesentals“ einen Bürgerentscheid durchsetzte, der letztlich aber verlorengegangen war. pep

Er ist gerade mal 19 Jahre alt, kennt sich aber schon bestens aus in der Kommunalpolitik: Leandro Karst. Seit 2016 ist er Sprecher des Birkenfelder Jugendgemeinderats. Jetzt zog der Gräfenhausener als jüngstes Mitglied in den Birkenfelder Gemeinderat ein. Auf Anhieb holte er auf der CDU-Liste die fünftmeisten Stimmen – 2590, und damit knapp 400 mehr als beispielsweise Gemeinderats-Urgestein Wolfgang Girrbach (UWB). Als Vorsitzender des Landesschülerbeirats ist Karst zudem Stimme von rund 1,5 Millionen Schülern im Land Baden-Württemberg. Gewählt ist er dort bis 2020, auch wenn er in diesem Jahr an der Pforzheimer Fritz-Erler-Schule sein Abi macht. 

Der erste Urnengang ohne die unechte Teilortswahl in Neuenbürg hat der Stadtverwaltung keinerlei Probleme bereitet. Das erklärt Hauptamtsleiter Fabian Bader im Gespräch mit der „Pforzheimer Zeitung“. Die große Befürchtung der Kritiker, Teilorte würden durch die neue Wahl Plätze einbüßen müssen, ist ausgeblieben: „Jeder Ortsteil ist vertreten“, erklärt der Hauptamtsleiter zufrieden. Verlierer der unechten Teilortswahl ist vielmehr die Kernstadt selbst: War sie zuvor mit zehn Mitgliedern vertreten, sind es jetzt nur noch acht. Arnbach hat dadurch zwei Plätze gewonnen. Unverändert bleibt die Sitzverteilung für Dennach und Waldrennach: Jeweils zwei Räte können, wie auch zuvor, im Gremium mitbestimmen. Doch nicht nur das Ergebnis falle positiv auf: „Wir hatten in diesem Jahr bei der Gemeinderatswahl ohne unechte Teilortswahl 98 ungültige Stimmzettel“, sagt Bader. Bei der Wahl im Jahr 2014 seien es hingegen noch 130 ungültige Stimmzettel gewesen. 

Im Biet lässt vor allem ein Name aufhorchen: Pina Stähle. Die VV-Jährige führt gemeinsam mit ihrem Mann Ihno den Römerhof in Tiefenbronn. Und hat nun den Sprung in die Kommunalpolitik gewagt – mit durchschlagendem Erfolg. In den Gemeinderat schaffte sie es auf Anhieb für die Liste Mensch und Umwelt (LMU) – mit 13 Stimmen Vorsprung vor ihrem Mann. Und noch mehr: Pina Stähle verstärkt künftig auch das Team der Grünen im Kreistag. Auch hier sprachen der Neueinsteigerin die Wähler großes Vertrauen aus. Mit 3149 Stimmen verwies sie Amtsinhaberin Christine Danigel deutlich auf den zweiten Platz – nur ein Ausgleichssitz konnte ihr das Mandat retten. 

Der Einzug der erst 18-jährigen Calmbacherin Lena Knöller für die SPD in den Gemeinderat Bad Wildbad sorgt gleich aus mehreren Gründen für Schlagzeilen: Sie ist damit die jüngste Stadträtin, die es in der Kurstadt jemals an den Ratstisch geschafft hat und eine der jüngsten Bürgervertreterinnen im Kreis Calw. Lena Knöller wird damit im Ratssaal neben ihrem Großonkel Bruno Knöller (ebenfalls SPD) sitzen. Das 67-jährige Kommunalpolitik-Urgestein ist nun das älteste Ratsmitglied in der Kurstadt. Somit stammen die jüngste Bürgervertreterin und der älteste Gemeinderat aus einer Familie.