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Eindrucksvoll: Jesus-Darsteller Linoria während der Prozession im Mühlacker Heidenwäldle © PZ-Archiv
10.06.2011

Giuseppe Linoria aus Mühlacker spielt seit Jahren Jesus Christus an der Karfreitagsprozession

MÜHLACKER. Der eindringlichste Moment? Giuseppe Linoria überlegt lange, bevor er antwortet. Dann schenkt er sich ein Glas Wasser ein, trinkt einen Schluck und blickt seinem Gegenüber fest in die Augen. „Wahrscheinlich war es damals vor zwei Jahren, als wir die Prozession bei Minus zwei Grad und Schneefall durchschritten sind."

Bildergalerie: Viele Besucher bei Karfreitagsprozession in Mühlacker

Er erzählt: "Mein Umhang war nass und an manchen Stellen bereits gefroren, es war unheimlich kalt und wir waren kurz vor der Stelle, an der wir die Kreuzigung nachstellen, in der ich halbnackt am Kreuz in die Höhe gehoben werde. Unser Pfarrer hat mir gesagt, ich soll den Umhang anlassen, es wäre sonst zu kalt. Aber ich habe in diesem Moment den Glauben und die Kraft, die er mir verleiht, noch stärker gespürt als sonst.“ Als man Linoria dann mitsamt dem hölzernen Kreuz aufgestellt hat, nur um die Lenden bekleidet, habe man dem Publikum regelrecht angemerkt, wie die Zuschauer mit ihm leiden.

Seit 2003 spielt Giuseppe Linoria, Familienvater und hauptberuflich Kunststoffformgeber, bei der alljährlichen Karfreitagsprozession im Senderstädter Heidenwäldle die Rolle des Jesus von Nazareth. Nachgestellt werden mit Laienschauspielern die letzten Stunden und Leiden im Leben des Heilands. Bei der diesjährigen Aufführung Ende April habe man zwar nicht mit allzu großer Kälte zu kämpfen gehabt, aber das Wichtigste sei in jedem Jahr „dass die Leute sehen, wie Jesus für uns gelitten und was er für die Erlösung der Menschen durchgestanden hat.“ Möglich sei dies nur, indem man der Rolle eine gewisse Intensität verleihe, die nur fühlen könne, wer wirklich an die damaligen Geschehnisse und an Christus glaube.

Für Linoria selbst kam dieses „Erweckungserlebnis“ bereits in frühen Jahren, wiederum ausgelöst durch die Karfreitagsprozession. Im Jahr 1988, als die italienische Kirchengemeinde Mühlacker erstmals eine derartige Veranstaltung auf die Beine stellte, gab es einmalig extra eine Prozession für Kinder. Als man die Rolle des Jesus besetzen wollte, fiel die Wahl auf den, wie der heute 31-Jährige von sich selbst sagt, damals schüchternen Jungen Giuseppe. Zu dieser Zeit habe ihm die Rolle einen „Schubser fürs ganze Leben“ gegeben.

Linoria beschreibt sich selbst seit damals als „tiefgläubig“. „Für mich bedeutet der Glaube auch, dass ich zuerst an andere denke, bevor ich mich um mich selbst kümmere. Das ist eine Eigenschaft, die ich als christlich bezeichnen würde.“ Trotzdem sei es mit der Religiosität wie mit einer Ehe: „Es gibt immer Auf und Abs, aber das ist ja gerade die Kunst, dass man eben nicht davonrennt, wenn es einmal nicht so läuft.“

Über die Kirche und den Glauben ist der 31-Jährige inzwischen zu seinem zweiten großen Hobby gekommen: italienische Folkloretänze. „Bei einem Fest unserer Kirchengemeinde hat sich die Idee herauskristallisiert, dass wir so etwas einmal probieren könnten, und nach mittlerweile zwei Jahren werden wir für Feste in der gesamten Region gebucht“, so Linoria.

An seinem Arbeitsplatz bei der Mühlacker Firma Behr ist seine Schauspieltätigkeit am Karfreitag auch noch nach all den Jahren ein beliebtes Thema unter den Kollegen. „Wenn ich einen Raum betrete, kommt es immer wieder einmal vor, dass einer ruft: Guck mal, da kommt Jesus.“