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Abstand halten! Bis zur Entwarnung durch die Bombenspezialisten der Polizei durfte niemand am Donnerstagmittag dem Mühlacker Bahnhof zu nahe kommen. Am Ende entpuppte sich der Inhalt eines herrenlosen Reisekoffers nicht als Bombe, sondern als großes Glas mit Gummibärchen. © Seibel
Entwarnung nach Bombenalarm im Bahnhof Mühlacker: Wenig Mühe hatten die Bombenspezialisten mit dem herrenlosen schwarzen Koffer auf Bahnsteig 1. Er enthielt keinen Sprengsatz, sondern nur den üblichen Inhalt eines gewöhnlichen Reisekoffers. © Seibel
Bombenalarm am Mühlacker Bahnhof: Ein herrenloser Koffer hat nach ersten Informationen einen Großeinsatz ausgelöst. © Kohler
Ein schwarzer Trolley auf dem Bahnsteig hat am Mühlacker Bahnhof Bombenalarm ausgelöst. © Seibel
13.12.2012

Gummibärchen statt Bombe: Mühlacker Bahnhof dicht

Bombenalarm am Bahnhof Mühlacker wegen eines Glases voll mit Gummibärchen: Von 11.45 Uhr an kam niemand mehr ins Gebäude oder auf die Bahnsteige. Ein herrenloser Rollkoffer hatte die Polizei auf den Plan gerufen. Er fiel bereits gegen 9.30 Uhr jemandem auf. Ein Feuerwehr-Löschzug wurde zum abgesperrten Bahnhofsgelände gerufen, der Kampfmittelbeseitigungsdienst aus Böblingen und Einsatzkräfte aus Karlsruhe waren vor Ort, ein Notarzt und zwei Rettungswagen wurden bei der Polizei gegenüber dem Bahnhof positioniert. Um 13.30 Uhr konnte Entwarnung gegeben werden: In dem Trolley war nur das Gummibärchen-Glas, umgeben von Staumaterial wie zum Beispiel einem Handtuch.

Bildergalerie: Bombenalarm in Mühlacker: Warten auf die Entwarnung

Bildergalerie: Bombenalarm in Mühlacker: Kein Sprengsatz im Koffer

Keine Drähte, keine Batterien, kein Rohr mit eingeschlossenem Pulver - wenn Polizeihauptkommissar Bernd Herlan von der Bundespolizei auflistet, was sich alles im Koffer befunden hat, dann klingt das extrem harmlos. Allenfalls mit dem Feuerzeug hätte ein böser Bube Unfug anstellen können. Aber das konnte ja vor dem Öffnen des Trolleys niemand wissen.

Bildergalerie: Bombenalarm am Mühlacker Bahnhof - Teil 1

Der herrenlose Koffer stand auf dem Bahnsteig 1 direkt am Bahnhofsgebäude. Die Polizei hatte das Areal weiträumig abgesperrt, Bahnreisende durften den Bahnhof nicht betreten, Züge wurden umgeleitet. Für sie gab es keine Durchfahrt und keinen Halt. Für Bahnkunden war Mühlacker in den Mittagsstunden tabu. Nicht erst nach dem Bombenfund im Hauptbahnhof Bonn gehen die Ermittler vorsichtiger an solche Herausforderungen heran.

Bildergalerie: Bombenalarm am Mühlacker Bahnhof - Teil 2

Die Einsatzleitung übernahm zunächst der Leiter des Polizeireviers Mühlacker, Polizeioberrat Udo Buchholz. Es befanden sich fünf Kriminalbeamte der Außenstelle Mühlacker, 20 Beamte der Schutzpolizei, ein Polizeihundeführer sowie drei Streifenbesatzungen der Bundespolizei im Einsatz. Um 12.30 Uhr übernahm die zuständige Bundespolizei die weitere Einsatzleitung. Ein aus Böblingen angeforderter Sprengstoffexperte öffnete um 13.25 Uhr den verdächtigen Koffer, in dem sich nur das übliche Reisegepäck befand.

Sowohl im Bereich des Taxistands als auch auf der anderen Seite beim Busbahnhof stand eine Gruppe von Menschen, jeweils knapp ein Dutzend Personen. Die Stimmung war recht unterschiedlich. Gelassen zeigte sich gegen 12 Uhr der junge Torwart der Fußballer des TSV Phönix Lomersheim. "Ich sollte eigentlich zur Vorlesung", sagte Daniel Kern. Nach einer Stunde kündigte er an, sich auf den Heimweg machen zu wollen. Am Polizei-Absperrband traf er auf seinen Fußballkollegen Ferdinand Fischer, der jemand zum Bahnhof gebracht hatte.

Ebenfalls um 12 Uhr kam Stadtarchivarin Marlis Lippik mit ihrem Fahrrad an. Sie wollte zu einem Arzttermin. "Das ist ja eine Schweinerei", sagte sie. Indes erkundigte sich ein Gastronom, ob es die Möglichkeit einer Entschädigung gibt. Seine Sorge gilt seinem Fleischspieß.

Die Passanten schienen keine Bedrohung zu fühlen, sondern gingen davon aus, dass sich das Ganze als falscher Alarm entpuppen würde. Ein Schüler fotografierte die Polizeiautos und Absperrungsbänder. "Wann kann man da wieder rein?" wollte ein älterer Herr von einem der Polizisten wissen. Der musste eine konkrete Antwort schuldig bleiben.

Für die Polizei steht die Sicherheit an erster Stelle, deswegen ging man eher von einer längeren Aktion aus, wobei die Hoffnung bestand, dass nach Eintreffen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (die Rede ist von den "Delaborierern") relativ schnell Klarheit herrschen könnte. Man wolle "garkein Risiko eingehen", sagte Herlan gegenüber PZ-news. Auf den Bahnhöfen würden die Reisenden immer wieder mit Durchsagen darauf hingewiesen, keine Gepäckstücke herumstehen zu lassen, beziehungsweise verwaiste Taschen und andere auffälligen Dinge zu melden. "Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig", sagte Herlan, der die reibungslose Zusammenarbeit von Bundes- und Landespolizei gelobt hat.

Oberbürgermeister Frank Schneider war nach einem Termin in der nahegelegenen Hindenburgstraße ebenfalls kurz nach 12 Uhr zum Bahnhof gekommen. Mit dabei war Ulrich Saur vom Ordnungsamt. Schneider gab sich gelassen. Die Erfahrungen, die er nach dem Fund einer Fliegerbombe im Mai 2012 nicht weit vom Bahnhof entfernt gemacht hatte, stimmten ihn zuversichtlich. Nicht nur, weil die Bombe letztlich entschärft wurde, sondern weil er hautnah erlebte, wie die Experten zusammenarbeiteten. Schneider hatte mit seiner Einschätzung richtig gelegen. Rettungskräfte und Bahnkunden können wieder aufatmen.

Der erste Zug aus Richtung Westen erreichte den Mühlacker Bahnhof um 13.40 Uhr. Der Zug hatte in Enzberg auf das Ende des Bombenalarms warten müssen und wäre im Normalfall um 11.45 Uhr in Mühlacker weitergefahren. Der erste Zug aus der Gegenrichtung wurde in Vaihingen aufgehalten und kam um 14.15 Uhr in Mühlacker an. Auffällig: Beide Züge schienen leerer als sonst zu sein. Fahrgäste hatten gegenüber PZ-news erklärt, dass etliche Mitreisende Busse oder Taxis zur Weiterfahrt genutzt hätten oder sich von Bekannten mit dem Auto abholen ließen. Etliche Fahrgäste bemängelten die Informationspolitik der Bahn, insbesondere die Durchsagen auf den Bahnsteigen. Da hätte es zu wenig hilfreiche Infos gegeben.

Unklar ist noch, ob der Besitzer des Koffers für Schadensersatzansprüche belangt werden kann. Die Bahn dürfte wohl zivilrechtliche Forderungen an den Besitzer des Koffers stellen - wenn derjenige ermittelt werden sollte. Das ist nun Aufgabe der Polizei. Der Einsatz der Bundespolizei, so Herlan, würde nicht in Rechnung gestellt. Anders sehe es vielleicht bei der Landespolizei aus.

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