Schwimmkurs 1
Spaß im Wasser: Beim Tauchen nach Ringen sind Teilnehmerinnen des Mädchen-Schwimmkurses im Hallenbad Mühlacker in ihrem Element. 
Schwimmkurs 2
Geschafft: Zahraa Alhousin freut sich über die bestandene Seepferdchen-Prüfung. 

Mädchen aus Kriegsgebieten machen Seepferdchen-Abzeichen in Mühlacker

Mühlacker/Enzkreis. Alles klar für die Freibadsaison: Ende Januar hatten Nichtschwimmer aus Deutschland und anderen europäischen Ländern, aus Krisen- und Kriegsgebieten von Afrika bis Asien im Hallenbad Mühlacker gemeinsam den Sprung ins Wasser gewagt. Rund fünf Monate später tummelt sich im Becken überwiegend die Spezies der  „Seepferdchen“. 

Im Rahmen des Landesförderprogrammes „Gemeinsam in Vielfalt“ hat das Landratsamt Enzkreis drei internationale Schwimmkurse für Kinder und Jugendliche initiiert und zusammen mit dem Verein Wasserfreunde Mühlacker in die Tat umgesetzt.

Die Aufregung der Teilnehmerinnen zwischen sechs und 17 Jahren, die einen der begehrten Plätze im einzigen Mädchen-Schwimmkurs ergattert haben, ist am Nachmittag der Prüfung greifbar. Während der ansonsten verbotene Sprung vom Beckenrand für die meisten mehr „Hurra“ als Herausforderung ist und das Heraufholen eines Ringes aus schultertiefem Wasser sich schnell zum freundschaftlichen Gaudi-Wettkampf entwickelt, liegen die Nerven beim Schwimmen im tiefen Wasser blank. Nach der Hälfte der 25-Meter-Bahn geht manchen vor lauter Aufregung die Puste aus, die aufkommende Unsicherheit macht es nicht besser. 

"Ab zehn Jahren fällt es schwerer"

Jetzt sind die Ruhe und Erfahrung der Schwimmlehrerinnen der Wasserfreunde Mühlacker und ihrer Unterstützer gefragt: „Du schaffst das. Im Training hat es auch geklappt. Noch mal von vorn – es kann nichts passieren.“ Beruhigen, Motivieren, Selbstbewusstsein stärken gehört zu dem Einmaleins, das den Übungsleiterinnen aus den Schul-Schwimmkursen geläufig ist. Dabei kostet es diejenigen, die die Chance verpasst haben, früh schwimmen zu lernen, deutlich mehr Mut, sich auf das Können, das sie in den vergangenen fünf Monaten in maximal 16 sonntäglichen Unterrichtstunden erworben haben, zu verlassen.  „Ab zehn Jahren fällt es vielen Kindern deutlich schwerer, Schwimmen zu lernen. Es fehlt das Unbekümmerte“, weiß Franziska Wenzel, Geschäftsstellenleiterin bei den Wasserfreunden.

Dabei richten sich die Schwimmkurse ganz bewusst an Kinder und Jugendliche aller Nationen, die aus den verschiedensten Gründen durch das Raster gefallen sind. „Es war  wichtig, dass auch deutsche Kinder von dem Angebot profitieren. Gemeinsam Spaß haben, gemeinsam lernen – da wird Miteinander zur Selbstverständlichkeit und Integration macht Spaß. Das ist ein großer Schritt zu gegenseitigem Verständnis und Respekt“, findet Isabel Hansen, Integrationsbeauftragte des Landratsamtes Enzkreises, die das Projekt angeschoben hat.  

„Es ist ein Glückstreffer, dass es mit den Wasserfreunden in Mühlacker einen Verein gibt, der einerseits die Erfahrung einer Schwimmschule mitbringt, bei dem die Teilnehmer aber auch das Prinzip ,Verein‘ und ,Ehrenamt‘ kennen und schätzen lernen können.“ Franziska Wenzel bestätigt, dass sich ein Miteinander über Alter- und Sprachgrenzen hinweg entwickelt hat: „Die Älteren helfen den Jüngeren.“ Sprachbarrieren wurden mit gegenseitiger Unterstützung überwunden, wichtige Begriffe aus dem Schwimmunterricht nebenbei aufgeschnappt. Und: „Es braucht nicht immer viele Worte. Fast alles lässt sich zeigen und ausprobieren“, so Wenzel.

Mit 17 ist Zahraa die Älteste

Mit 17 Jahren ist Zahraa Alhousin nicht nur die älteste Teilnehmerin im Mädchenkurs, sondern die einzige, die eine Art Kopftuch trägt – zumindest meistens, denn immer wieder geht die  Schlauchtuch-Improvisation baden. Der geplante Freibad-Besuch wird nichts an ihrem Wunsch an bedeckten Haarenändern – Jungen hin oder her. Für sie liegt die Lösung nahe: „Es gibt doch passende Kopftücher.“

Dass für sie mit bestandener Seepferdchen-Prüfung ein Traum ein Traum in Erfüllung gegangen ist, bekommen helfende Vereinsmitglieder nach der letzten Stunde am eigenen Leib zu spüren. Begeistert umarmt die 17-Jährige ihre Schwimmlehrerinnen. In die Freude mischt sich aber auch Trauer: „Eine meiner besten Freundinnen aus Syrien ist auf der Flucht ertrunken“, erinnert sich Zahraa. „Sie konnte nicht schwimmen.“