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Als Mutter eines Spielers drückt Sabine Seifert dem FV Lienzingen die Daumen.  Foto: Fotomoment 

Mehr als „Spielerfrauen“: Warum viele Fußballvereine ohne Frauen untergehen würden

Mühlacker. Dass Frauen zum Fußball gehen, ist nichts Besonderes mehr: Mit ihren Stars und Sternchen lässt die Strahlkraft der Sportart Nummer eins gerade in Deutschland ohnehin fast niemanden mehr kalt.

Ziemlich warm war es, als am Sonntag im Fußballkreis Pforzheim die letzten Punktspiele anstanden und es teilweise um nichts mehr ging. Trotz allenfalls minimaler sportlicher Bedeutung war auch die A-Liga-Partie Sportfreunde Mühlacker gegen FV Lienzingen nicht nur etwas für harte Kerle. Freilich kommen Frauen wohl nicht einfach, weil sie kostenlos zusehen dürfen, während Männer drei Euro Eintritt zahlen müssen.

Der Verein als Familie

Als Spielermutter lehnte Sabine Seifert sommerlich gekleidet an der Spielfeldumrandung. Über der Werbebande hing ein Banner, versehen mit dem Logo des FV Lienzingen, der Aufschrift „Fans“, einem Herzen sowie Unterschriften. „Idealerweise ist der Verein wie eine Familie“, sagt Sabine Seifert. In ihrer Familie spielt Fußball eine große Rolle: Sohn Dominik zählt zur jungen Gardes des FVL und vor nicht allzu langer Zeit war auch sein Vater Andreas Lienzinger Spieler.

„Schon zu meiner Jugendzeit war es beim FV Lienzingen normal, dass auch die Frauen sich im Verein tatkräftig engagieren und die Spieler unterstützen“, erzählt Sabine Seifert. Ein wenig Aufmunterung konnte am Sonntagnachmittag nicht schaden, da sich die favorisierten Lienzinger erst einmal ein Gegentor einhandelten.

Während einige Frauen Fußball genauso ernst nehmen wie die Männer, trifft sich ein Teil auch, um zu Tratschen. Melissa und Lena reichten anderen Fans zur Kühlung unter anderem Melone-Stückchen. Auch diese beiden Lienzingerinnen schätzen den Zusammenhalt und dass man sich immer wieder gegenseitig hilft.

„Wir sind gerne auf dem Sportplatz, es gehört dazu, seinen Partner bei seinem Hobby zu unterstützen“, sagt Melissa. Menschen, denen eine soziale Ader attestiert wird, sind überwiegend Frauen – Frauen wie Melissa. „Das Bewirten oder Dekorieren auf Festen bedeutet für mich keine Arbeit, ich mache das gerne. Nur solange sich jeder beteiligt, kann auch etwas Gutes daraus entstehen“, verdeutlicht die junge Anhängerin der Lienzinger.

Was den Lokalrivalen angeht, wird der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mike Feldmeier noch deutlicher: „Wenn wir unsere Frauen nicht hätten, wäre der Verein schon lange untergegangen“, sagt er. Zum Beispiel sind bei Festivitäten Kartoffelsalat und Kuchen unverzichtbar.

Über Jahrzehnte wurde Klara Weber bei den Sportfreunden zu einer Institution. Mit über 90 ist sie nun nicht mehr auf dem Sportplatz anzutreffen, doch Mike Feldmeier betont, dass diese Frau „die gute Seele“ war – und sogar über Jahrzehnte in der Vorstandschaft.

Sportfreunde-Frauen engagiert

Derzeit gibt es innerhalb der zwölfköpfigen Führungsriege vier Frauen: Kassier ist Bettina Blutbacher, die Ehefrau des früheren Spielleiters Frank Blutbacher und Tochter des früherenden Kreisvorsitzenden Gerhard Schwörer. Schriftführerin ist Angelika Fegert, und um die Finanzen kümmert sich Birgit Essig. Sie könnte bald Unterstützung von Shannon Valentin erhalten: Als Verlobte von Spielleiter Dennis Schöffler will sich diese junge Frau auch bei den Sportfreunden einbringen, wie Feldmeier verrät. Ein Frauen-Team gibt es seit einigen Jahren allerdings nicht mehr.

Lienzingen-Anhängerin Melissa weiß, dass im Sommer Erfrischungsgetränke oder ein Aperol Spritz das Verweilen am Platz angenehmer machen. Im Winter bringen „Spielerfrauen“ wie sie gern warmen Tee und Decken mit. Die Fußballer wiederum gehen ihrem Hobby auch dann in kurzen Hosen nach.

Das ganze Jahr über hat sich das Lienzinger Team gut geschlagen. Im abschließenden Derby zeigt der FVL auch seine Qualitäten, gleicht nach der Pause aus, geht nach einer Stunde in Führung und beendet die Saison nach dem 2:1-Sieg mit einer positiven Bilanz auf dem dritten Rang.

Mehr lesen Sie am Mittwoch, 5. Juni 2019, in der „Pforzheimer Zeitung“ (Ausgabe Mühlacker) oder im E-Paper auf PZ-news oder über die Apps auf iPhone/iPad und Android-Smartphones/Tablet-PCs.

Ralf Kohler

Ralf Kohler

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