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Harry Wörz will eine höhere Entschädigung einklagen. Foto: Uli Deck/Archiv
23.05.2014

Ungewöhnlicher Unterrichtsbesuch: Harry Wörz besucht Mühlacker Schule

Mühlacker. „Ich denke, diese Unterrichtsstunde werden die Schüler nicht vergessen – und das in Gemeinschaftskunde!“ Das Fach hat die Berufsschullehrerin Sibylle Schnauffer von der Ferdinand-von-Steinbeis-Schule in Mühlacker nämlich aus ihrer eigenen Schulzeit als „unglaublich langweilig“ in Erinnerung.

Schnauffer griff mit ihrer Klasse, angehenden Zerspanungsmechanikern, die Ausstrahlung des Films „Unter Anklage: Der Fall Harry Wörz“ in ihrem Gemeinschaftskunde-Unterricht auf. Intensiv beschäftigten sich die Schüler mit den darin aufgeworfenen Fragen zu Recht und Gerechtigkeit – und schlugen schließlich vor, Harry Wörz selbst in den Unterricht einzuladen.

Sibylle Schnauffer schrieb einen Brief an den seit 2010 rechtskräftig Freigesprochenen – und Wörz sagte zu. Allerdings bat er angesichts des Trubels nach dem Film um ein wenig Zeit. Nun jedoch war es soweit: 90 Minuten lang berichtete der Gräfenhausener von seiner Berg- und Talfahrt durch das deutsche Justizsystem: Von April 1997 bis November 2001 saß er im Gefängnis, wurde dann vorläufig entlassen und musste dennoch weitere neun Jahre auf den endgültigen Freispruch warten – ein jahrelanges Bangen und Hoffen.

„Herr Wörz hat zunächst vor der Klasse referiert – auch was juristische Vorgänge angeht“, sagt Sibylle Schnauffer. Was ihre Schüler besonders beeindruckte: Harry Wörz schöpfte aus dem Vollen, was die Umsetzung von Gerechtigkeit, Recht und Gesetz in der deutschen Demokratie angeht. „Er kennt sich unglaublich gut aus“, staunte Sandro Aguglia. Ravil Mamoutov wollte wissen, warum sich der Prozess von 2001 bis 2010 hingezogen habe, und Andreas Jeske interessierte sich dafür, ob der Freispruch noch einmal zurückgenommen werden könne.

Auch für Themen, die nicht unmittelbar mit seinem Verfahren zusammenhingen, ließ Harry Wörz viel Raum. So fragte Sina Kuhn danach, welche Erfahrungen er mit Menschen während seiner Zeit im Gefängnis und danach gemacht habe. Wörz erzählte von Mitgefangenen, Nachbarn und Bekannten und von Landes- und Bundespolitikern: „Viele haben mich freundschaftlich unterstützt und begleitet – andere dagegen schwer enttäuscht.“ Er berichtete von Vorurteilen, Vorverurteilungen, aber auch von Zuspruch, Mutmachen und Unterstützung.

In persönlichen Kommentaren, die die Schüler für Harry Wörz anlässlich seines Besuches an der FvSS aufgeschrieben hatten und ihm als Dank in Form eines Albums überreichten, merkten die Schüler an, dass sie nicht verstehen, warum die Suche nach dem Schuldigen nicht weiter verfolgt werde. Sibylle Schnauffer sieht den ungewöhnlichen Unterricht als gelungenes Experiment, das sie gerne wiederholen möchte: „Wenn sperriger Lehrstoff wie unser Rechtssystem ein Gesicht bekommt, lassen sich junge Leute richtiggehend begeistern“, sagt die Pädagogin.