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Hagelflieger Frank Kasparek fliegt regelmäßig Einsätze in der Region. Fotos: Prokoph/Privat
Hagelflieger Frank Kasparek fliegt regelmäßig Einsätze in der Region. Fotos: Prokoph/Privat
Mittels einer Silberjodid-Aceton-Lösung werden die Wolken „geimpft“.
Mittels einer Silberjodid-Aceton-Lösung werden die Wolken „geimpft“.
Eine Wetterstation in den Weinberger soll Martin (links) und Joachim Fischer vom Weingut Sonnenhof, hier mit Hagelflieger Frank Kasparek, vor Gewittern warnen.
Eine Wetterstation in den Weinberger soll Martin (links) und Joachim Fischer vom Weingut Sonnenhof, hier mit Hagelflieger Frank Kasparek, vor Gewittern warnen.
12.07.2018

Unwetter bedrohen Ernte: Hagelflieger im Einsatz gegen die Wolken

Vaihingen/Enzkreis. Ein mulmiges Gefühl macht sich bei den Brüdern Martin und Joachim Fischer beim Blick zum Himmel breit, wenn sie über ihrem Gündelbacher Weingut Sonnenhof ein drohendes Unwetter aufziehen sehen. Denn: Wenn die Winzer Pech haben, könnten ihnen Wetterkapriolen buchstäblich die Ernte verhageln.

Schon im Jahr 2015 sind die Gündelbacher Weinbauexperten aus diesem Grund der Hagelabwehr des Rems-Murr Kreises beigetreten. „Mindestens alle zwei Jahre hatten wir zuvor Hagelschäden in fünfstelliger Höhe“, weiß Martin Fischer. Erst als sie reagierten und Mitglieder des Bündnisses wurden, seien die Hagelschäden ausgeblieben. „Wir möchten im Enzkreis nun weitere Mitstreiter finden, damit die Kosten für alle geringer werden“, sagt Martin Fischer. Denn durch eine größere Solidargemeinschaft könnten die finanziellen Lasten besser verteilt werden.

Droht Ungemach, schlägt die Stunde von Hagelflieger Frank Kasparek. Er betreibt sechs zweimotorige Hagelflugzeuge und fliegt seit 2011 eines der beiden Flugzeuge, die im Rems-Murr-Kreis eingesetzt werden. Alarmiert wird er vom Wetterdienst in Karlsruhe. „Wir haben dieses Jahr schon 15 Einsätze gehabt“, berichtet er. Im Jahr seien es zwischen 15 bis 20 Fälle. Dann steigt er in sein Kleinflugzeug und fliegt in der vorgegebenen Zone an die Gewitterwolke von unten heran und „impft“ diese, wie es im Fachjargon heißt.

In seinem Flugzeug erzeugt er – unter der Wolke fliegend – eine Silberjodid-Aceton-Lösung, die über eine Stichflamme freigesetzt wird und durch den herrschenden Aufwind direkt in die Wolke gelangt. Vereinfacht muss man sich vorstellen, dass in der Wolke eine große kalte Masse vorhanden ist, die durch die „Impfung“ dann in kleine Hagelkörner gespalten werde. „Im besten Fall schmelzen die Hagelkörner auf dem Weg zum Boden“, verdeutlicht Martin Fischer das Prozedere.

„Für den Profi ist das Fliegen in die Gewitterregion kein Problem“, sagt Kasparek. Denn das Flugzeug wirke durch seine metallene Hülle genau wie ein Auto als Faraday’scher Käfig, an dem die Blitze abprallen.

Während die Gündelbacher Winzer Joachim und Martin Fischer überzeugt sind von den Einsätzen der Hagelflieger, finden sich auch kritische Stimmen. Denn ob das Verfahren tatsächlich wirksam ist, war in den vergangenen Jahren immer wieder Gegenstand von Diskussionen – und das Thema ist nach wie vor umstritten. Das Land Baden-Württemberg beispielsweise hatte sich 1997 aus der Finanzierung der Hagelflieger zurückgezogen, auch der inzwischen zurückgekehrte Kreis Ludwigsburg war einst aus der Hagelabwehr ausgestiegen. Ein besonders lauter Kritiker der Hagelflieger ist der Wetter-Experte Jörg Kachelmann. Der Schweizer hatte erst kürzlich in einem Kolumnenbeitrag auf t-online.de davon gesprochen, dass das Verfahren „nachweislich nichts bringt“.

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