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Ist das körperliche, geistige oder seelische Wohl eines Kindes gefährdet, kann den Eltern vom Familiengericht das Sorgerecht entzogen werden. Foto: dpa
Ist das körperliche, geistige oder seelische Wohl eines Kindes gefährdet, kann den Eltern vom Familiengericht das Sorgerecht entzogen werden. Foto: dpa
04.08.2017

Zum Wohl des Kindes

Das Familiengericht entzieht in Baden-Württemberg häufiger das Sorgerecht. Im Enzkreis setzt man eher auf Auflagen und Verbote für Eltern.

Es ist eine erschreckende Zahl: Die Fälle, in denen Eltern das Sorgerecht für ihr Kind entzogen werden mussten, sind in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr um 54 Prozent gestiegen. Ein Trend, der sich im Enzkreis glücklicherweise aber nicht widerspiegelt.

Nach Feststellung des Statistischen Landesamtes haben im Jahr 2016 die Familiengerichte in Baden-Württemberg für 1634 Kinder und Jugendliche die vollständige oder teilweise Übertragung der elterlichen Sorge auf das Jugendamt oder einen Dritten als Vormund oder Pfleger angeordnet. Im Vorjahr waren es 1062 Kinder gewesen. „Bei uns sieht das völlig anders aus“, erklärt Wolfgang Schwaab, Leiter des Jugendamts im Enzkreis. So habe es 2016 nur einen einzigen Fall gegeben, bei dem man das Sorgerecht vollständig entzogen habe. Im Vorjahr waren noch sechs Kinder und ihre Familien betroffen gewesen.

Letzter Schritt

„Dieser Schritt ist bei uns die ganz, ganz große Ausnahme“, sagt Schwaab. Das Sorgerecht entziehe man nur bei einem „erzieherischen Totalausfall“ komplett. Etwas häufiger komme es dagegen zu einer teilweisen Übertragung auf das Jugendamt oder Dritte. Dazu entschied sich das Familiengericht im Enzkreis 2016 siebenmal (Vorjahr sechsmal). In diesen Fällen wird den Eltern beispielsweise nur die Vermögenssorge aus den Händen genommen. „Dann hat das Jugendamt das Recht, Sozialleistungen für das Kind zu beantragen“, erklärt Schwab den Hintergrund. In Pforzheim gab es 2016 insgesamt 23 Verfahren zum teilweisen oder kompletten Entzug der elterlichen Sorge. 2015 waren es 19 gewesen. Auch hier ist der Anstieg bei weitem nicht so dramatisch, wie bei den landesweiten Zahlen. Die Fälle aus Pforzheim und dem Enzkreis werden allerdings auch vor dem selben Familiengericht verhandelt – am Amtsgericht Pforzheim. Und hier hat Schwaab in den vergangenen Jahren eine Trendwende beobachtet. „Die Tendenz geht jetzt weg von Sorgerechtsentziehungen hin zu anderen Maßnahmen“, erklärt er. Dies sei auch einer Gesetzesänderung 2008 zu verdanken.

Denn nun müssen Familiengerichte bereits dann tätig werden, wenn das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen gefährdet sind und die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Gefahr selbst abzuwenden. Bis dahin hatte den Eltern ein Erziehungsversagen nachgewiesen werden müssen, was in der Praxis oft schwierig war. Nun können die Familiengerichte schon früher mit Auflagen und Verboten reagieren. „Eine Auflage an die Eltern kann etwa sein, den Schulbesuch zu gewährleisten oder bestimmte Unterstützungen – wie die sozialpädagogische Familienhilfe – in Anspruch zu nehmen“, erklärt Schwaab. 2016 habe das Gericht 20-mal zu solchen Mitteln gegriffen – 2015 war das noch lediglich zweimal der Fall gewesen.