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Datenklau bei Politikern und Prominenten: Das Bundeskriminalamt vermeldet eine Festnahme in Hessen.
Datenklau bei Politikern und Prominenten: Das Bundeskriminalamt vermeldet eine Festnahme in Hessen. © dpa
08.01.2019

20-Jähriger gesteht Datenklau bei Politikern und Prominenten

Berlin/Wiesbaden. Nach dem massiven Online-Angriff auf Politiker und Prominente ist ein 20-Jähriger in Mittelhessen vorläufig festgenommen worden. Das teilte das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden mit. 

Die Deutsche Presse-Agentur erfuhr aus Sicherheitskreisen, dass der junge Mann in vollem Umfang geständig sei. Seine Wohnung war am Sonntag durchsucht worden. Den genauen Ort teilte das BKA nicht mit. Die Behörde und die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wollen am Mittag in Wiesbaden Details zu den bisherigen Ermittlungen im Fall des massenhaften Datendiebstahls bekanntgeben.

Nach seinem Geständnis kam der Verdächtige mangels Haftgründen wieder auf freien fuß. In der Vernehmung nannte er Ärger über Äußerungen seiner Opfer als Motiv für seine Taten. Die notwendigen Kenntnisse zum Ausspähen seiner Opfer im Internet hat er sich selbst beigebracht.

Zudem will sich Innenminister Horst Seehofer am frühen Nachmittag vor der Hauptstadtpresse äußern. Zuvor hatte der CSU-Politiker betont, er werde die Bevölkerung «nur mit belastbaren Fakten und nicht mit Vermutungen» informieren. Neben ihm auf dem Podium sollen der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, und der Chef des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm, sitzen.

Seehofer hatte sich am Montag von Münch und Schönbohm auf den aktuellen Stand der Ermittlungen bringen lassen.

Rund 1000 Politiker, Prominente und Journalisten sind nach Angaben des Innenministeriums von dem Online-Angriff betroffen. Etwa 50 Fälle seien schwerwiegender, weil größere Datenpakete wie Privatdaten, Fotos und Korrespondenz veröffentlicht worden wurden. Das BSI habe schon im vergangenen Jahr von fünf Fällen gewusst - ohne einen Zusammenhang zu erkennen.

Nach einem Bericht des Redaktionsnetzwerkes Deutschland (RND/Dienstag) bekamen Opfer der Online-Attacken in den vergangenen Tagen Anrufe mit Nummern aus Russland. Die Anrufer blieben aber anonym. Sicherheitskreise zweifelten, ob die Anrufe von den Urhebern des Angriffs kamen und nicht möglicherweise von Trittbrettfahrern, um einen Verdacht auf russische Nachrichtendienste zu lenken, meldet der RND.

Mit seiner zögerlichen Reaktion auf den Skandal hatte sich Seehofer viel Kritik eingehandelt. Tagelang höre man nichts von Seehofer, dabei sei dieser der politisch Verantwortliche, sagte Linken-Chef Bernd Riexinger am Montag. Auch die SPD nimmt den Minister in die Pflicht. «Beim BSI herrscht Kommunikationswirrwarr, und diese Behörde untersteht dem Bundesinnenminister», sagte der SPD-Innenexperte Burkhard Lischka der «Passauer Neuen Presse» (Dienstag). Lischka beklagte zugleich die Zersplitterung der für die IT-Sicherheit zuständigen Behörden und forderte eine bessere Koordination und klare Verantwortlichkeiten.

Im Gegensatz zu Lischka stellte sich der CDU-Innenpolitiker Phlipp Amthor hinter das BSI. «Es ist unsachlich und greift zu kurz, jetzt einseitige Kritik am BSI zu üben», sagte Amthor der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Die Behörde habe die gesetzliche Aufgabe, die IT-Sicherheit der Staatsorgane des Bundes zu schützen. Der Schutz der privaten Kommunikation von Amtsträgern gehöre bisher hingegen nicht zu den gesetzlichen Aufgaben des BSI. An die Kritiker des BSI appellierte Amthor, lieber eine personelle Stärkung der Behörden zu unterstützen.

Forderungen nach strukturellen Änderungen kamen neben Lischka auch von der Opposition. Der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, sagte der «Heilbronner Stimme»: «Struktur, Aufgaben und Kommunikation von BSI, BKA und Geheimdiensten müssen neu bestimmt werden.»

Schleswig-Holsteins Minister für Digitalisierung, Jan Philipp Albrecht (Grüne), forderte ein beim BSI und den Ermittlungsbehörden angesiedeltes eigenes Ermittlungs- und Analysepersonal mit direkten Durchgriffsmöglichkeiten bei Anbietern wie Twitter. Außerdem müssten auch technisch nicht versierte Nutzer in die Lage versetzt werden, Mindeststandards einzuziehen. Albrecht sprach in der «Rheinischen Post» von «Sicherheitsgurten» und «Streifenpolizisten» für das Internet.

Der vom Datenklau besonders betroffene Grünen-Parteichef Robert Habeck hatte am Montag angekündigt, sich als Konsequenz aus dem Ärger um Wahlkampf-Tweets und den Datendiebstahl von Twitter und Facebook zu verabschieden. Der Soziale-Medien-Forscher Wolfgang Schweiger sieht darin eine Zäsur für die Politik im Internet. «Zum ersten Mal gibt ein Politiker zu, dass das Tempo, die Direktheit und Spontaneität in den sozialen Medien für ihn persönlich gefährlich sind», sagte der Professor für Kommunikationswissenschaft der «Augsburger Allgemeinen».

Lokale Politiker betroffen

Über ein Twitter-Konto wurden persönliche Daten von Hunderten Personen des öffentlichen Lebens im Internet, darunter von Künstlern und Moderatoren, veröffentlicht. Betroffen sind auch der Pforzheimer CDU-Bundestagsabgeordnete Gunther Krichbaum und Calwer CDU-Kollege im Bundestag, Hans-Joachim Fuchtel.
Nicht betroffen ist die Pforzheimer SPD-Abgeordnete Katja Mast und der  Pforzheimer FDP-Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Rülke.

Erste Razzia am Sonntag in Heilbronn

In Heilbronn wurde bereits am Sonntag die Wohnung eines Zeugen durchsucht, wie ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Montag bestätigte. «Die verdeckte Phase der Ermittlungen dauert an», so der Sprecher. Nach Ansicht des Chaos Computer Clubs (CCC) ist der unbekannte Täter unvorsichtig vorgegangen und hat zu viele Informationen von sich preisgegeben.

Was ist "Doxxing"?

Der Schutz der Privatsphäre wird in Deutschland unter anderem durch das im Grundgesetz garantierte Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis gewährleistet. Bei der jüngsten Online-Attacke ging es den Tätern vor allem darum, diesen Schutz der Privatsphäre zu verletzen und möglichst viele personenbezogene und vertrauliche Daten von Politikern und Prominenten, die oft von rechts attackiert werden, öffentlich zu machen.

Im Gegensatz zu «Leaks» von Whistleblowern wie dem ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden geht es beim sogenannten «Doxxing» (auch «Doxing» geschrieben) um personenbezogene Daten. Die Betroffenen sollen im Netz vorgeführt werden. Außerdem wollen die Täter einen Missbrauch der Daten ermöglichen.

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