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09.10.2012

50 Jahre nach dem Vatikanischen Konzil: Viele Träume geplatzt

München/Rom. Als Angelo Roncalli 1958 zum Papst gewählt wurde, war er schon alt und krank. Doch der vermeintlich schwache «Übergangspapst» berief überraschend ein Konzil ein, das die katholische Kirche grundlegend verändern sollte. Um das Erbe wird heute heftig gestritten.

Bildergalerie: 50 Jahre nach dem Vatikanischen Konzil

Mehr Pomp geht nicht: Wie ein Kaiser zieht der Papst auf einem Thronsessel in den Petersdom ein. Doch mitten in der Zeremonie lässt Johannes XXIII. den Prozessionszug anhalten, steigt herab und geht zu Fuß weiter. Eine bewusst gewählte Demutsgeste, mit der der Papst am 11. Oktober 1962 das Zweite Vatikanische Konzil - und für viele auch eine Zeitenwende - einleitet. Jahrhundertelang war die katholische Kirche triumphalistisch und absolutistisch aufgetreten. Nun sollte sie sich auf ihren Ursprung besinnen, den Wanderprediger Jesus von Nazareth. Was aber ist von diesem Neuanfang 50 Jahre danach geblieben?

Nicht viel, meinen Kritiker. Sie werfen der Kurie, dem mächtigen Verwaltungsapparat der Kirche in Rom, vor, damals vom Konzil angestoßene Reformen systematisch ausgebremst zu haben. Dabei können sich selbst die Reformverweigerer auf Konzilstexte berufen. Denn um des Friedens in der Kirche willen nahm die modernisierungswillige Mehrheit der Bischofsversammlung große Rücksicht auf die konservative Minderheit. Viele Beschlüsse enthalten daher auch rückwärtsgewandte Formulierungen.

Doch nicht der Buchstabe sei entscheidend, meinen heute viele Theologen, sondern der Geist des Konzils. Und der war von Johannes XXIII. «Aggiornamento» genannt worden, «Verheutigung». Die Kirche schließt ihren Frieden mit der Moderne, die sie so lange erbittert bekämpft hatte. In den Erklärungen «Dignitatis humanae» und «Nostra aetate» bekannte sie sich erstmals zur Religionsfreiheit und zum Dialog mit anderen Religionen wie dem Islam.

Zwar hatte erst der biblische Glaube an die Gottebenbildlichkeit des Menschen die Idee der Menschenwürde und Gewissensfreiheit hervorgebracht. Doch bekämpfte die Kirche genau diese universalen Menschenrechte lange, bis sie schließlich erkannte: Die Ideale der Aufklärung sind Geist von ihrem eigenen Geist.

Auch ihr Verhältnis zum Judentum justierte die katholische Kirche neu. Jahrhundertelang wurden «die Juden» als Christusmörder diffamiert. Erst nach der Katastrophe von Auschwitz, nach dem Mord an Millionen Juden durch die Nazis, kommt die Kirche zur Einsicht: Die Juden sind die älteren Geschwister der Christen; der Glaube Israels bleibt die Wurzel des christlichen Glaubens.

Im Dekret «Unitatis redintegratio» bekennt sich das Konzil auch erstmals zur Ökumene, also zu einem respektvollen Dialog mit den protestantischen und orthodoxen Kirchen. Zudem wird einiges von dem nachgeholt, was die evangelischen Kirchen bereits im Gefolge des Reformators Martin Luther eingeführt hatten: Gottesdienst in der Landessprache statt auf Latein, Aufwertung der «Laien», der Bibellesung und der historisch-kritischen Forschung.

Die katholische Kirche gibt mit den Konzilsbeschlüssen ihr Selbstverständnis als übergeschichtlich-klerikale Heilsanstalt auf und versteht sich als Gemeinschaft der Gläubigen («Communio»), als wanderndes Gottesvolk. Sie sieht sich nicht mehr als ein heiliges Bollwerk gegen die böse Welt, sondern als «Kirche in der Welt von heute». Die Pastoralkonstitution «Gaudium et spes» behandelt daher auch politische Fragen - von der atomaren Aufrüstung bis zur Weltwirtschaftsordnung.

Der Theologe und Konzilsforscher Otto Hermann Pesch erinnert daran, dass das Konzil zum politischen Dialog aufgerufen und dabei auch hinzugefügt hat: «Dieser Dialog kann nur glaubwürdig sein, wenn zugleich auch innerkirchlich der Dialog gepflegt wird.» Daran mangele es aber bis heute, beklagt Pesch in der Zeitschrift «Publik-Forum».

Auch viele andere Experten stellen heute kritisch fest, dass sich die Kirche zwar vielfach nach außen geöffnet hat, aber nur wenig nach innen. Zahlreiche Träume reformwilliger Bischöfe sind geplatzt. Das neue Miteinander von Priestern und Laien blieb oft im Ansatz stecken. Vermisst werden zum Beispiel auch eine Aufwertung der Frauen in der Kirche und neue Akzente in der Sexualmoral.

Das Konzil, das mit Unterbrechungen von 1962 bis 1965 tagte, betonte die Kollegialität der Bischöfe als Nachfolger der Apostel. Aber der römische Zentralismus, der während der Zeit außer Kraft gesetzt war, hat sich danach wieder machtvoll etabliert. Einen Papst, der von seinem Thron steigt und auf Augenhöhe mit den Bischöfen spricht - den gab es nach Johannes XXIII. noch nicht wieder.