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11.04.2008

Abseits ausgetretener Pfade

Während die berühmten Tempel von Angkor Wat unter der Touristenflut leiden, ist der Rest Kambodschas als Reiseland noch ein Geheimtipp. Für Urlauber mit Interesse an Kultur und Natur bietet die Provinz Sihanoukville reizvolle Entdeckungen.

Den perfekten Lauf der Urlaubsmaschine des Nachbarlandes Thailand wird der Tourist an den Stränden der kambodschanischen Küstenstadt Sihanoukville kaum erwarten. Wie „Thailand vor 20 Jahren“ könnte denn auch das Motto eines Strandurlaubs in Kambodscha lauten. Wer keine noblen Fünf-Sterne-Hotels benötigt und sich für den Reiz des Nicht-Perfekten erwärmen kann, für den ist hier abseits des organisierten Massentourismus noch manche Entdeckung möglich.

Auch wenn die notorisch überhöhte Preise der Motorradtaxifahrer, deren Dienste man im weitläufigen Sihanoukville fast zwangsläufig in Anspruch nehmen muss, selbst erfahrene Traveller gelegentlich gereizt reagieren lassen, die vielfältigen Möglichkeiten der Stadt und der Charme ihrer Umgebung wiegen solche Lappalien leicht auf. Dazu kommt der französische Einfluss, der sich nicht nur auf eine ansprechende Gastronomie beschränkt. Nicht nur das frische Baguette oder eine obskure Zigarettenmarke Namens „Alain Delon“ sind Überbleibsel der Kolonialzeit, auch eine Reihe von französischen Köchen, die sich seit einigen Jahren hier niedergelassen haben, bezeugen neben einem vermehrten Zuspruch von französischen Touristen die Verbindung zur früheren Kolonialmacht.

Wer Ruhe und Einsamkeit, unberührte Natur und einsame Inseln sucht, der kann in der Region um Sihanoukville fündig werden. Der Ruhesuchende muss nur den quirligen, von Rucksack-Touristen und fliegenden Händlern bevölkerten Serendipity Beach meiden, ansonsten präsentieren vorgelagerte, kaum erschlossene Inseln unberührte Strände und reizvolle Tauchgründe. Und der nahe gelegene Preah Sihanoukville National Park bietet Urwald ebenso wie fast menschenleere Strände.
Auch wenn Sihanoukville sich anschickt, an die Zeiten vor den Roten Khmer, die 1975 die Macht übernahmen und das Land mit Terror überzogenen, anzuknüpfen: von einem Boom sprechen nur wenige. Zwar meint der Rezeptionist Sohkom, das seit fünf Jahren deutlich mehr Touristen kämen und viel gebaut würde, doch der französische, seit bald zehn Jahren hier lebende Barmanager Jean aus Toulouse sieht nur ein Umschichtung: „Manche Restaurants machen zu und eröffnen an einem anderen Ort wieder“. Es gäbe zwar einige Neubauten, insgesamt könne man aber von keinem Boom sprechen. Und die neueröffneten Casinos seien weitgehend auf die bekannt spielfreudigen Asiaten hin ausgerichtet.

Die Individualtouristen, die sich gerne an den Meeresfrüchten laben, für die Sihanoukville bekannt ist, werden mit Freude hören, dass die ruhigen Zeiten nicht vorbei sind. Denn noch haben beispielsweise Supermärkte oder Einkaufszentren den traditionellen Markt der Stadt, der nach einem Brand im Januar 2008 an gleicher Stelle wieder aufgebaut wird, nicht verdrängen können. Hier finden Kambodschaner ebenso wie Touristen nahezu alles für das tägliche Leben. Und für Abenteuerlustige fahren von hier aus auch die Sammeltaxis, mit denen Kampot oder Kep erkundet werden können. Vier Passagiere auf der Rückbank, zwei auf dem Beifahrersitz und einer neben dem Fahrer sind die Norm in einem dieser älteren Toyotas. Vom Kampot aus, das mit seinen Kolonialbauten stärker als Sihanoukville vom Geist der französischen Herrschaft geprägt ist, lassen sich die meist nebelumwaberten Ruinen der Casinos in den Bergen von Bokor am besten besuchen. Ebenso sind in den Karsthügeln nahe Kampot bislang wenig erforschte Höhlensysteme zu erkunden, in denen auch buddhistische Heiligtümer der Entdeckung harren.

Kep hingegen kann nur noch mit wenigen Überbleibseln der früheren Pracht dieses einst mondänen Küstenortes dienen, auch wenn sich inzwischen wieder einige Hotels dort angesiedelt haben. Denn hier , nur eine Dreiviertelstunde von Kampot entfernt, hat sich die Zerstörungswut der Roten Khmer ungebremst ausgetobt. Die zerschossenen Ruinen einst prächtiger Villen erinnern daran, dass Kambodscha vor der Gewaltherschaft der Roten Khmer, die fast zwei Millionen Menschen das Leben kostete, eines der wohlhabendste Länder in Südostasien war.