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11.10.2012

Ärger um Kachelmanns Buch: Zwischen Milchreis und Gerechtigkeit

Mannheim (dpa) - Es sieht aus, als hätte der Heyne-Verlag geahnt, dass es juristischen Ärger geben würde um das Buch von Jörg Kachelmann: Vorabexemplare für Journalisten gab es nicht, und nach einem kleinen Verwirrspiel um das Erscheinungsdatum lag das Werk mit dem Titel «Recht und Gerechtigkeit» am Montag plötzlich in den Buchhandlungen.

Bildergalerie: Ärger um Kachelmans Buch

Es dauerte gerade mal drei Tage, bis die Richter des Landgerichts Mannheim ein erstes Verbot aussprachen: Der Verlag darf das Buch nicht weiter verbreiten, solange Kachelmanns Ex-Geliebte darin mit vollem Namen genannt wird. Das betrifft allerdings nicht die Exemplare, die schon in den Buchhandlungen liegen. Und so könnte die drohende Verknappung den Verkauf noch ein wenig anheizen - vielleicht ist die «ungeschwärzte» Version bald nicht mehr zu haben.

Natürlich ist das Buch auch eine «Abrechnung», wie das gängige Schlagwort in solchen Fällen lautet. 44 Verhandlungstage lang saß Jörg Kachelmann in Landgericht Mannheim, ordentlich frisiert, rasiert, in Anzug und Krawatte, konfrontiert mit dem Vorwurf, er habe seine ehemalige Geliebte vergewaltigt. Und Kachelmann, der charmant und eloquent sein kann, musste das tun, was ihm als Angeklagten aus juristischer Sicht wohl zu raten war: Die Klappe halten. Schweigen. Zuhören, wie andere schlimme Dinge über einen erzählen.

Kein Wunder, dass es in Kachelmann gärte und brodelte - wie sehr, das war schon in den ersten Interviews zu ahnen, die er nach seinem Freispruch im Mai 2011 gegeben hatte. Einiges von dieser Wut ist auch in dem Buch zu spüren, dass der Moderator gemeinsam mit seiner Frau Miriam geschrieben hat.

Kachelmanns Zorn richtet sich zunächst gegen die Justiz, gegen den «kollektiven Verurteilungsfuror» von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht. Das liest sich im Detail amüsant, etwa, wenn der Wetterexperte einem Staatsanwalt bescheinigt, dieser habe «die nasseste Hand der nördlichen Hemisphäre».

Auch «die Medien» kriegen ihr Fett ab. Kachelmann teilt klar in Gut und Böse - und bis auf die beiden Gerichtsreporterinnen von «Zeit» und «Spiegel», die sehr früh von der Unschuld des Moderators überzeugt waren, finden sich alle auf der bösen Seite wieder, als, wie Kachelmann meint, «Sprachrohr der Staatsanwälte».

Doch wie der Titel des Buchs bereits andeutet: Kachelmann will mehr. Es geht auch ums Ganze. Darum, «was geändert werden müsste, damit Deutschland wieder gewissenhaft als Rechtsstaat bezeichnet werden kann». An diesem Anspruch allerdings scheitert das Buch.

Klar, es werden steile Thesen aufgestellt: Etwa, es gebe eine «gewohnheitsmäßig männerverurteilende Justiz», oder die Überzeugung, «dass weit über die Hälfte der angezeigten Vergewaltigungen nicht real ist». Da allerdings würde man sich doch ein paar Belege wünschen, und nicht nur altklug vorgetragene Platitüden, wie vor allem in den von Miriam Kachelmann verfassten Teilen. Beispiel: «Bisher berücksichtigt der Gesetzgeber zu wenig oder gar nicht, dass auch Juristen und Polizisten nur Menschen sind.» Aha.

Das Buch hat auch seine lesenswerten Momente: Immer dann, wenn es konkret wird, vor allem bei der Schilderung des Gefängnisalltags. Und man kann mit einigem Recht fragen, warum der Staat es offenbar in vielen Fällen nicht schafft, Untersuchungsgefangene, für die die Unschuldsvermutung gilt, halbwegs anständig zu behandeln: Warum so wenig Besuche von Angehörigen erlaubt sind. Warum es keine Kühlschränke gibt. Und warum sich die Gefangenen damit helfen müssen, mit einem Wasserkocher Milchreis in der Milchtüte zu kochen.