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08.01.2008

Alfred Döblin: "Pforzheim kannst Du vom Atlas streichen"

Um 19:45 Uhr setzen die Sirenen ein. Nicht einmal fünf Minuten später tauchen die ersten Flugzeuge der Royal Air Force am Himmel auf. Der Angriff dauert nur eine knappe halbe Stunde.

In dieser Zeit werfen 368 Bomber Spreng- und Brandbomben, Brandkanister und Luftminen mit einem Gewicht von insgesamt 1.575 Tonnen über Pforzheim ab. In den engen Straßen und Gassen entsteht rasch ein gewaltiger Feuersturm. Die Innenstadt Pforzheims wird nahezu komplett zerstört, rund 17.600 Menschen finden am 23. Februar 1945 den Tod.

Pforzheim sei „eines der Zentren deutscher Schmuck- und Uhrenherstellung“ und habe  „wahrscheinlich eine beachtliche Bedeutung erlangt, was die Produktion von Präzisionsinstrumenten angeht“, heißt es in einem Bericht der Royal Air Force. Bereits vorher war Pforzheim auf einer Zielliste der Alliierten Luftkriegsstrategen aufgeführt, wurde jedoch nur mit geringer Priorität versehen. Pforzheims feinmechanische Industrie war seit 1942 zunehmend auf Rüstungsproduktion umgestellt worden; in der Stadt selbst befanden sich neben zwei großen Firmen mehrere kleine Werkstätten. Diese Umstände führten schließlich zu dem Beschluss der Alliierten, die Goldstadt zu bombardieren.

Der Angriff vom 23. Februar war nicht der erste Angriff auf Pforzheim in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Bereits am 1. April 1944 warfen US-amerikanische Flugzeuge ihre Bomben über der Stadt ab, gefolgt von weiteren Angriffen am Heiligen Abend 1944 und am 21. Januar 1945. Keiner dieser Angriffe war jedoch so verheerend wie der am Abend des 23. Februar.

Aufgrund eines Ausfalls der Löschwasserversorgung ist die Feuerwehr machtlos gegenüber dem Feuersturm, der nach dem Angriff in der Innenstadt wütet. Wer sich nicht rechtzeitig aus der Innenstadt retten kann, hat kaum eine Überlebenschance. Selbst die Luftschutzräume werden zur Todesfalle, da die Flammen den Kellern jeglichen Sauerstoff entziehen. Andere verbrennen oder ertrinken bei dem Versuch, sich in Enz oder Nagold zu retten.

Erst Tage nach dem Angriff zeigt sich das gesamte Ausmaß der Zerstörung. Vorher lässt die enorme Brandhitze ein Betreten der Stadt nicht zu. Ein Überlebender schreibt in seinem Tagebuch: „Kein Haus mehr!...Keine Reichsbank mehr, keine Oberrealschule, kein Gymnasium. [...] Im Wasser schwammen Tote. [...] Das Bohnenberger Schlößchen, unter dem sich ein großer Luftschutzkeller befand, hatte mehrere Volltreffer erhalten. Ein Dutzend Tote lag vor dem Eingang. [...] Die Toten hatten alle Schaum vor dem Mund. Der Luftdruck tötete sie."

Eine Restaurierung schien nach dem Angriff ausgeschlossen, Abriss und Neuaufbau standen an. Der Arzt und Schriftsteller Alfred Döblin schrieb in einem Brief: "Das Tollste ist Pforzheim; vom Erdboden verschwunden, rasiert, komplett kurz und klein geschlagen. Keine Menschenseele mehr vorhanden. Pforzheim kannst Du vom Atlas streichen."

Doch vom Atlas wurde Pforzheim nicht gestrichen. Heute ist kaum noch etwas von der Geschichte des 23. Februar zu sehen, obgleich mehrere Erinnerungsorte an den Tag erinnern. Jedes Jahr findet sich eine große Menschenmenge zur Andacht am Hauptfriedhof ein, in der Innenstadt erinnern Gedenktafeln an die Ereignisse. Auf dem Wallberg wurden 2006 Erinnerungsstelen an den 23. Februar errichtet – auch wenn der Wallberg schon als solcher eine Erinnerungsstätte ist. Ein Großteil des Schutts aus der zerstörten Innenstadt wurde hier aufgeschüttet, wodurch der Berg knapp 40 Meter wuchs. Landläufig ist der Wallberg daher auch als „Monte Scherbelino“ bekannt.