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Es geht ein «#aufschrei» durch die Gesellschaft - zumindest online. Eine Demonstrantin macht klar, dass ein «Nein» auch nein bedeuten soll, in Berlin auf dem sogenannten «Slutwalk». Werden Menschen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt, verachtet oder unterdrückt, spricht man von Sexismus. 
Es geht ein «#aufschrei» durch die Gesellschaft - zumindest online. Im Sekundentakt rattern beim Kurzmitteilungsdienst Twitter Kommentare zur aktuellen Diskussion über Sexismus ein. © dpa
25.01.2013

Alltägliche Anzüglichkeit - Sexismus verletzt viele Frauen

Berlin. Es geht ein «#aufschrei» durch die Gesellschaft - zumindest online. Im Sekundentakt rattern beim Kurzmitteilungsdienst Twitter Kommentare zur aktuellen Diskussion über Sexismus ein.

Umfrage

Ist Sexismus in unserer Gesellschaft ein Problem?

Ja 39%
Nein 57%
Weiß nicht 4%
Stimmen gesamt 371

Dabei geht es längst nicht mehr nur um frivole Sprüche von Politikern gegenüber jungen Frauen. Es geht um die alltägliche Anzüglichkeit, mit der Männer und Frauen zu kämpfen haben. Die Kommentare reichen von eigenen Erlebnissen über Ermutigung der Betroffenen bis zur Abwertung der Debatte.

Klar wird dabei schnell, das jeder für Sexismus seine ganz eigene Definition hat. Die Grenze zwischen einem netten Flirt oder einem wohltuenden Kompliment und der sexuellen Belästigung ist schmal und nicht klar definiert. «Sobald ein Gespräch als unangenehm und als verbaler sexueller Angriff empfunden wird, ist eine Grenze überschritten», sagt die Genderforscherin Katrin Späte vom Institut für Soziologie in Münster. «Diese Grenze muss jeder für sich selbst festlegen.»

Sexismus ist auch eine Frage der Persönlichkeit. Während eine sehr selbstbewusste Frau den Spruch über ihre «schönen Beine» vielleicht noch als charmante Anmache empfindet und ihn mit einem Lächeln quittiert, geht der gleiche Spruch der schüchternen Kollegin womöglich viel zu weit. «Dass diese Diskussion nun öffentlich geführt wird, ist wichtig», sagt Forscherin Späte. Auch, um sensibel für Übergriffe zu werden.

Dass das mit der aktuellen Debatte gelingt, zeigt Twitter: «Ich weiß gar nicht was ich zu #aufschrei sagen soll außer: dafür, weiter so! Und dass ich mich als Mann schäme, dass so etwas nötig ist», schreibt ein Mann. Dass noch viel zu tun ist, wird ebenfalls erkennbar. Denn da steht eben auch: «will nicht wissen wieviel geschichten hier bei #Aufschrei erfunden werden nur um aufmerksamkeit zu bekommen. Sucht euch hobbys eh.» Auch von Frauen, die doch selbst schuld seien, weil sie sich so aufreizend gekleidet hätten, ist wie so oft die Rede.

«Es ist nicht in Ordnung», sagt Forscherin Späte, «wenn Frauen so dargestellt werden, als würden sie das provozieren und damit das Täter-Opfer-Verhältnis umgedreht wird.» Nichts, auch nicht die äußere Erscheinung der Frau, könne rechtfertigen, dass jemand die persönlichen Grenzen eines anderen überschreite.

Das geschieht schnell, denn Sexismus findet sich vielen alltäglichen Situationen: Da ist der Turnlehrer, der «Hilfestellung» gibt und dabei zum Grapscher wird. Da ist die Frage nach den Kinderplänen beim Bewerbungsgespräch, der «Frauenbonus» für Bundeskanzlerin Merkel, die als «Tittenbonus» abgewertete Frauenquote.

Ein Blick nach Berlin zeigt ähnliches: Viele tausend Frauen und Männer arbeiten dort für Medien und in der Politik. Zu diesem Miteinander gehört auch, sich am Rande von Parteitagen zu begegnen, in Hintergrundkreisen und Restaurants auszutauschen. Da der polit-mediale Arbeitstag für die meisten eher nicht um 17.00 Uhr endet, wird es auch mal spät.

Es werden dabei zwar nicht beständig professionelle Grenzen überschritten, und Politiker nutzen nicht in großer Zahl Macht und falsch verstandene Männlichkeit gnadenlos aus. Es gibt indes Ausnahmen, und keine kleinen. Korrespondentinnen erzählen von unangenehmen und unverschämten Blicken mancher durchaus wichtiger Politiker. Ein anzügliches Lob für die gut geschnittene Kleidung, ein tiefer Blick ins Dekolleté. Wer zurückweist, muss auch mit Informationsentzug rechnen. Das Problem bleibt die Überzeugung mancher Männer, dass rote Linien für sie nicht gelten.

Und da sind die strategischen Machtspiele vieler Männer. Diese sollen nach Meinung der Geschlechterforscherin Anne Schlüter vom Netzwerk für Frauen- und Geschlechterforschung in Nordrhein-Westfalen die Frau runterziehen und mundtot machen. «Und zeigen: du bekommst hier kein Stück vom Kuchen.» Die Professorin sagt: «Diese Männer denken, sie haben die Macht dazu. Aber eigentlich sind es Männer, die kein Selbstbewusstsein haben und es nicht schaffen, Frauen auf gleicher Ebene zu akzeptieren.»

In diese Kategorie passen natürlich nicht alle: Vielen Männern sei ihr anzügliches und teils beleidigendes Verhalten nicht bewusst, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Deutschen Rentenversicherung, Theodoline Granat-Flügge. «In den meisten Fällen, die wir hier mitbekommen, steckt dahinter keine böse Absicht, sondern mangelndes Bewusstsein.» Die Behörde setzt seit mehr als zehn Jahren auf Sensibilisierung - und zwar auf beiden Seiten. «Das ist für uns kein Tabuthema mehr.»

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