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Altbundeskanzler Kohl im Gespräch um Friedensnobelpreis © dpa
07.10.2010

Altbundeskanzler Kohl im Gespräch für Friedensnobelpreis

KOPENHAGEN/OSLO. Ein Dissident aus China, Altkanzler Helmut Kohl, Großmütter aus Argentinien, die Europäische Union (EU) oder vielleicht gar das Internet als „Friedensprojekte“? Vor der Vergabe des Friedensnobelpreises ist schon lange nicht so kräftig spekuliert worden wie in diesem Jahr.

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Der norwegische Komiteechef Thorbjørn Jagland verkündet am Freitag um 11 Uhr im Osloer Nobelinstitut die Entscheidung über den vielleicht prestigeträchtigsten Preis der Welt. Er selbst und seine Mitstreiter, eigentlich zu strengster Geheimhaltung verpflichtet, haben mit halbkryptischen Andeutungen die Spekulationen recht munter angeheizt. „Wenn wir den Preis an eine Person vergeben, dann muss die oder der Betreffende für etwas eingestanden, persönliche Belastungen auf sich genommen und einen Kampf durchgestanden haben“, meinte Jagland in der Zeitung „Drammens Tidende“. Es gehe nicht um „Friedensarbeit vom Schreibtisch“.

Was könnte das für die Chancen von Kohl heißen, der für seine Rolle bei der deutschen Vereinigung und der europäischen Einigung als Kandidat gehandelten wird, fragt man sich. Klar ist, dass Jaglands Bemerkung perfekt zu dem favorisierten chinesischen Dissidenten Liu Xiabo passen würde, der für seine politische Überzeugung in Haft sitzt. Dasselbe gilt für die afghanische Menschenrechtlerin Sima Samar und die Russin Swetlana Gannuschkina von der vor allem für Tschetschenen aktiven Flüchtlingshilfsorganisation „Zivile Unterstützung“.

Aber Jagland ließ bei seiner Äußerung ja offen, ob der Preis nicht vielleicht an eine der 38 nominierten Organisationen unter insgesamt 237 Kandidaten geht. Zuletzt geschah das 2007, als sich der UN-Klimarat den Friedensnobelpreis mit Ex-US-Vizepräsident Al Gore teilte. Die EU hätte ihn schon längst verdient, meinte Geir Lundestad, der einflussreiche Chef des Osloer Nobelinstitutes. Er setzte im Interview mit dem TV-Sender NRK noch eins drauf: „Abgesehen davon, dass Mahatma Gandhi nie den Preis bekommen hat, ist die EU das größte Versäumnis des Komitees.“

Einerseits kann man die Werbetrommel weder massiver noch mit größerem Einfluss rühren. Andererseits ist mit der Äußerung auch klar, dass die EU, die Lundestad vor allem für die gelungene deutsch-französische Aussöhnung rühmt, den Friedensnobelpreis in absehbarer Zeit nicht bekommen wird. Sonst hätte der alte Nobel-Fuchs sich nie und nimmer so geäußert.

Nach dem stark umstrittenen Preis 2009 für den gerade erst angetretenen US-Präsidenten Barack Obama deutet dieses Jahr das meiste auf einen oder mehrere Preisträger „von der Basis“ hin - auch wenn es keine Einzelperson wird. Der in Oslo ansässige Radiosender Democratic Voice of Burma wird genannt, oder die argentinischen Großmütter von der Plaza de Mayo in Buenos Aires, die beharrlich für die Aufklärung von Verbrechen aus der Zeit der Militärjunta kämpfen. Gute Chancen werden auch dem Sondergerichtshof für Sierra Leone (SCSL) zu Verbrechen im Bürgerkrieg eingeräumt. Dotiert ist die Auszeichnung wie alle anderen Nobelpreise mit zehn Millionen schwedischen Kronen (1,1 Millionen Euro).

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