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An den Wartelisten vorbei? Skandal um Organspenden.
An den Wartelisten vorbei? Skandal um Organspenden © Symbolbild: dpa
08.08.2012

An den Wartelisten vorbei? Skandal um Organspenden

Berlin (dpa) - Die umstrittene Praxis bei der Vergabe von Spendeorganen soll überprüft werden. Die Bundesärztekammer will darüber am Donnerstag mit der Stiftung Organtransplantation und anderen Experten beraten, wie Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery in der «Bild»-Zeitung (Mittwoch) ankündigte.

«Eine Woche später haben wir Minister Bahr eingeladen. Da beraten wir, ob wir bei der schnellen Organ-Zuteilung neue Regeln brauchen», sagte Montgomery. Ziel sei ein neues Prinzip bei der Vergabe von Spendeorganen, um Missbrauch zu vermeiden, erklärte Montgomery. «Wir wollen das Vier-Augen-Prinzip einführen, bei dem ein unabhängiger Arzt feststellen muss, wie krank der Empfänger wirklich ist, damit die Liste nicht mehr gefälscht werden kann.»

Der Kölner Verfassungsrechtler Wolfram Höfling, der auch im Ethikrat sitzt, hält das ganze System für fundamental falsch. Es könne nicht sein, dass sich Ärzte selbst kontrollieren, sagte er der «Berliner Zeitung» (Mittwoch). Generell gehe es bei den Kriterien, nach denen Organe vergeben werden, um Gerechtigkeitsfragen - «und damit Entscheidungen, die der Gesetzgeber treffen muss. Nicht die Ärzte». «Was ist mit dem Patienten, der sich die Leber kaputt getrunken hat. Bekommt er eine Leber? Solchen Debatten muss sich die Politik stellen», forderte Höfling.

Der Linken-Parteichef Bernd Riexinger forderte, die Vergabe von Spenderorganen unter staatliche Aufsicht zu stellen und regelmäßig einen Organspende-Report zu veröffentlichen. Drittens seien härtere Kontrollen und schärfere Strafen bei Missbrauch nötig, sagte er den Zeitungen der WAZ-Gruppe (Mittwoch) und dem Internetportal DerWesten.de.

Die Diskussion wurde ausgelöst durch Manipulationen bei der Warteliste für Patienten, die eine Organspende brauchen. In Deutschland gelangen zudem immer mehr Spenderorgane auf Sonderwegen zu todkranken Patienten - an der allgemeinen Warteliste vorbei, wie am Dienstag bekanntgeworden war. Allein im Vorjahr wurden rund 900 Mal Herz, Lunge, Niere, Leber oder Bauchspeicheldrüse per beschleunigter Vermittlung vergeben. Nach offiziellen Angaben handelt es sich dabei um Organe mit möglichen Risikofaktoren.

Der Direktor der Kieler Universitätsklinik für Allgemeine und Thoraxchirurgie, Thomas Becker, verteidigte das sogenannte beschleunigte Verfahren zwar grundsätzlich. Aber: «Wir transplantieren nur noch ein Drittel der Patienten über den eigentlichen Punktwert, während viele Patienten über Sonderregeln ein neues Organ bekommen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Und es kann ja eigentlich nicht Ziel eines Systems sein, die Ausnahme zur Regel zu machen.»