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Bis zum zehnten Jahrestag im Jahr 2011 soll die Gedenkstätte an Ground Zero fertig sein.
Bis zum zehnten Jahrestag im Jahr 2011 soll die Gedenkstätte an Ground Zero fertig sein.
11.09.2008

Analyse: Ground Zero sieben Jahre danach

New York (dpa) - Erstmals seit dem 11. September 2001 ist es nicht mehr eine offene Wunde. Kurz vor dem 7. Jahrestag der Terroranschläge auf das World Trade Center in New York sind die Stahlträger angekommen, die den riesigen Krater am einstigen Standort der zerstörten Zwillingstürme füllen sollen.

Die ersten der 3500 Kilo schweren Pfähle sind bereits in den Boden gerammt. Sie werden einmal die so lange zugesagte Gedenkstätte tragen, die an die fast 3000 Opfer der unvorstellbaren Katastrophe erinnern soll. «Reflecting Absence» heißt das Projekt - über die Abwesenheit nachdenken.

«Der Start der Stahlkonstruktion ist mehr als nur ein Zeichen. Er ist ein wichtiger Meilenstein für die Gedenkstätte, für unser Land und für jeden in New York und der ganzen Welt», sagte Bürgermeister Michael Bloomberg. Auf einer Fläche von gut drei Hektar entsteht zwischen neu errichteten Bürotürmen ein Ort der Erinnerung mit 400 Eichen sowie Wasserfällen. Zwei riesige, leere Becken, die den Grundriss der beiden eingestürzten Hochhäuser nachzeichnen, sollen den Verlust symbolisieren. Dazwischen führt ein Pavillon in das geplante unterirdische Museum. Bisher ist lediglich eines der Erinnerungsstücke an seinem Platz: die «Treppe der Überlebenden», wie sie heißt, die vielen Verzweifelten noch die Flucht aus dem Inferno ermöglichte.

Bis zum zehnten Jahrestag soll die Gedenkstätte fertig sein. Aber ob sich der Zeitplan halten lässt, ist nach dem langen und oft entwürdigenden Tauziehen um das Projekt zweifelhaft. Erst 2004 lagen die Pläne auf dem Tisch, 2006 musste nochmals umgeplant werden, und jetzt drohen nach einem Bericht der «New York Daily News» die Kosten von gut 600 Millionen Dollar (423 Millionen Euro) auf mehr als eine Milliarde Dollar zu steigen. «Wir hätten nie etwas so Riesiges und Teures gebraucht», sagt Rosalin Tallon, die ihren Bruder als Feuerwehrmann in dem Flammenmeer verloren hat. «Die Gedenkstätte war da, an dem Tag, nachdem es passiert ist.»

Besonders schmerzlich empfanden viele Hinterbliebene das Ringen um die Inschriften für ihre Angehörigen am Rand der beiden Steinbecken. Sie wollten neben dem Namen auch das Geburtsdatum und die Firma nennen, in der die Verunglückten gearbeitet hatten. Der israelische Architekt Michael Arad bestand mit Unterstützung von Bürgermeister Bloomberg jedoch auf einer zufälligen Auflistung in Kurzform, um die «willkürliche Brutalität» der Anschläge deutlich zu machen. Der damalige Gouverneur des Bundesstaates New York, George Pataki, entzog dem Projekt 2005 wegen der anhaltenden Kritik offiziell seine Unterstützung.

Auch die Forderung von Opferfamilien, den auf einer Mülldeponie vor der Stadt gelagerten Bauschutt wieder zurückzuholen, um den noch Vermissten ein würdiges Grab zu geben, wurde nicht erfüllt. «Mein Vater ist kein Abfall», zitiert die Bürgerinitiative «Familien für eine angemessene Beerdigung» auf ihrer Internetseite einen jungen Waisen. Von den 2749 Toten am Ground Zero konnten nur 292 Leichen geborgen werden. In vielen Fällen wurden nur einzelne Gliedmaße gefunden, und bei mehr als 40 Prozent fehlt immer noch jede Spur. Die Angehörigen haben kein Grab, kein Erinnerungsstück, keine Gewissheit. «Da wurde Stahlbeton in Minuten zu Staub zermahlen», hatte der städtische Gerichtsmediziner schon kurz nach der Katastrophe erklärt. «Uns war klar, was mit vielen Menschen geschehen sein musste.»

Trotz der schmerzlichen und vielleicht auch bitteren Erinnerungen soll der Jahrestag wieder ein Versuch sein zusammenzufinden. Sogar die beiden US-Präsidentschaftskandidaten John McCain und Barack Obama wollen ihren Wahlkampf am Donnerstag unterbrechen und gemeinsam an einer Gedenkveranstaltung in der Columbia Universität in New York teilnehmen. «Am 11. September sind wir alle zusammengekommen, nicht als Demokraten oder Republikaner, sondern als Amerikaner», erklärten die Kontrahenten in einem gemeinsamen Statement. «Am Donnerstag wollen wir die Politik beiseiteschieben und diese Einigkeit erneuern.»