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Die Eltern des Suizidopfers Tim Ribberink wollten es so: Die Todesanzeige mit einem Teil des Abschiedsbriefs in der niederländischen Zeitung "Tubantia" bewegt die Nation.
Die Eltern des Suizidopfers Tim Ribberink wollten es so: Die Todesanzeige mit einem Teil des Abschiedsbriefs in der niederländischen Zeitung "Tubantia" bewegt die Nation. © dpa
07.11.2012

Anklage gegen Mobben: Tims Selbstmord erschüttert Niederländer

Große dunkle Augen im schmalen Gesicht, modisches Stoppelhaar und ein freundliches Lachen: So blickt Tim Ribberink von seiner eigenen Todesanzeige. Der 20-jährige Niederländer nahm sich das Leben, weil er sich jahrelang gemobbt fühlte. «Dies darf nie wieder geschehen», mahnten die Eltern am Dienstagabend kurz vor der Trauerfeier für ihren Sohn. Diese Quälereien müssten entschieden bekämpft werden. «Ein Kind, das durch Mobber ausgeschlossen wird, darf sich nie gezwungen fühlen, diesen letzten Ausweg zu wählen.»

Ein Pfarrer verlas die bewegende Erklärung von Hetty und Gerrit Ribberink. Sie hatten mit der Traueranzeige für ihren Sohn das Land aufgerüttelt. Darin zitierten sie aus dem Abschiedsbrief ihres Sohnes. «Liebe Pap und Mam, ich wurde mein ganzes Leben lang verspottet, gemobbt, gehänselt und ausgeschlossen. Ihr seid fantastisch. Ich hoffe, dass ihr nicht sauer seid. Auf Wiedersehen, Tim».

Für Zehntausende Niederländer war diese Anzeige ein bestürzendes Signal. Sie reagierten vor allem in den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook. «Diejenigen, die Tim gemobbt haben, haben Blut an den Händen» twitterte ein Ewoud. Eine Ineke schrieb: «Wann hört das endlich auf?»

Fassungslos sind auch Nachbarn und Bekannte im Wohnort der Familie, dem Dorf Tilligte nahe der deutschen Grenze. Keiner will etwas von seinem Leidensweg gemerkt haben. Auch die Eltern wussten nur, dass Tim schon auf der Grundschule regelmäßig schikaniert wurde.

Doch die Schikanen und Beleidigungen gingen weiter - auch im Internet. Unbekannte hatten im Namen von Tim Berichte auf einer Bewertungsseite für Gaststätten hinterlassen. «Ich bin ein loser und homo», hieß es im vergangenen Sommer. Die Eltern meldeten dies jetzt der Polizei. Aber sie wollen keine Strafe für die Schuldigen. «Wir hoffen nur, dass die Mobber nachdenken über die Folgen ihres Verhaltens.»

Auch auf der pädagogischen Hochschule Windesheim, an der Tim studierte, war von Mobbing nichts bekannt. «Es ging ihm gerade sehr gut bei uns», sagte Direktor Lex Stomp einem Radiosender. Tim wollte Geschichtslehrer werden. «Er bereitete sich auf ein Auslandspraktikum vor.»

Tim selbst hatte seine Eltern beruhigt. Er sei nun stärker, habe er gesagt, berichtete der Pfarrer. Vielleicht wollte er das selbst glauben. An der Wand in seinem Schlafzimmer hing ein Zitat von Winston Churchill: «Never, never, never give up.»

«Die Umwelt nimmt die Signale meistens nicht wahr», sagt der Psychologe und Mobbing-Experte Bob van der Meer. Zehn Prozent der niederländischen Kinder und Jugendlichen würden gemobbt. «Pesten» nennen die Niederländer das treffend: Mit Worten werden die Opfer verseucht und können sich oft nicht gegen diese Pest wehren. «Aber man kann etwas tun», versichert van der Meer. Seit 2006 müssen Schulen ein sogenanntes Mobbing-Protokoll führen. Das sei aber zu wenig, sagt der Psychologe. «Wir werden aufgerüttelt von so einem Fall, doch dann geschieht nichts.»

Die Signale der Opfer sind schwer zu erkennen, weil sie nicht laut um Hilfe rufen. Das tat Tim auch nicht. «Du hattest nicht immer Rückenwind», schreibt Tims Familie in einer anderen Todesanzeige. «Doch du hast dir nie etwas anmerken lassen, und wir konnten nicht in dich hineinschauen. Jetzt hast du uns tief im Innersten berührt.»

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