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Experimental-Archäologen treffen sich seit zehn Jahren jeden Sommer zu einer "Steinzeit-Woche" in Schleswig-Holstein. Die Wissenschaftler wollen herauszufinden, wie die Menschen vor 10.000 Jahren lebten. Zum Einkaufen geht es aber ab und zu in den Supermarkt. © dpa
29.07.2014

Archäologen proben Steinzeit-Leben - und jagen im Supermarkt

Sie erproben in einem Steinzeit-Camp möglichst authentisch die früheren harten Lebensbedingungen - ab und zu geht's zum bequemeren Essenskauf dann aber doch in den örtlichen Supermarkt, mit Lendenschurz oder Lederröckchen.

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Bereits zum 10. Mal treffen sich Archäologen der Uni Hamburg und ihre Studenten im schleswig-holsteinischen Albersdorf zur Zeitreise in die Steinzeit. «Viele sind bereits seit Jahren dabei», sagt Tosca Friedrich. 26 sind es in diesem Jahr, die herausfinden wollen, wie die Menschen vor 10.000 Jahren möglicherweise gelebt haben.

In der Luft wabert der Gestank von verbranntem Holz, beißender Qualm lässt die Augen tränen: Ein gesunder Arbeitsplatz sieht anders aus. Doch für Jannie-Marie aus Dänemark ist das Steinzeitdorf ein Traum. Die 27-Jährige Archäologin aus Dänemark misst die Kohlenmonoxid-Konzentration, der unsere Ahnen in der Steinzeit ausgesetzt waren. Mit Hilfe modernster Technik erkundet sie, wie die Menschen aus der Jungsteinzeit wohnten. Damals loderten in den Häusern offene Feuer, die als Wärme- und Lichtquelle dienten und auf denen Essen gekocht wurde.

Jannie-Marie hat den Teilnehmern des Sommer-Camps Hightech-Messgeräte in der Größe einer Karotte um den Hals gehängt, um die Kohlenmonoxid-Belastungen der eingeatmeten Luft möglichst genau zu dokumentieren. Die Experimente könnten helfen, die Konstruktionspläne der Hausdächer in Freilicht-Museen für die Besucher zu optimieren. Gleichzeitig will die Archäologin herausbekommen, wie die Steinzeitmenschen ihre schornsteinlosen Hausdächer konstruiert hatten: Wenn unsere Ahnen krank wurden, waren sie bestimmt intelligent genug, die Dachkonstruktion der Häuser entsprechend zu verändern, erklärt sie.

Zumindest waren sie schlau genug, um Boote zu bauen, wie Felszeichnungen aus der Jungsteinzeit von der norwegischen Küste zeigen. Die Künstler hatten vor 6000 Jahren eine Art Bau-Anleitung für ein Fellboot in den harten Stein geritzt: Eine Korb-Konstruktion, in der ein Mensch hockt mit einem Seil in der Hand - «ob das eine Angel war, kann man nur spekulieren», sagt Archäologe Stefan. «Aus dieser Zeichnung haben wir interpretiert, wie Boote damals gebaut worden sein könnten», erklärt der 46-Jährige. «Ausdenken kann man sich viel. Aber mit Sicherheit weiß man es nicht.»

Ein Fellboot zu bauen, geht schneller und ist einfacher als ein hölzerner Einbaum. Die können theoretisch auch sehr groß gebaut werden, wie die Fellboote der Inuit in der Arktis zeigen: Boote mit einer Länge von bis zu acht Metern, die Platz für bis zu 20 Menschen boten und auf den Kopf gestellt auch als provisorisches Schlafzelt genutzt werden konnten. «Da muss man nicht sehr wagemutig spinnen», sagt Stefan.

So groß baute er das Fellboot in Albersdorf nicht. Gemeinsam mit der Archäologin Nele (35) steckte er zwölf Haselnussruten in den Boden und flocht acht große Weidenzweige dazwischen. Mit Lederstreifen und Bastseilen wurde die Konstruktion an den Enden zusammen gebunden «wie ein großer Korb, der umgekehrt im Boden steckt, » erzählt Nele. Darüber spannten sie eine rohe Rinderhaut «mit der Fellseite nach innen». Sie war nach drei bis vier Tagen Trockenzeit ausgehärtet, und das Boot bereit zum «Stapellauf».

Die nötige Kraft gab es mit selbst gebrautem Bier und Eintopfgerichten. «Aus Funden weiß man, welche Pflanzen den Menschen damals zur Verfügung standen: Wir gucken, was sie daraus gemacht haben könnten », erklärt Sommer-Camp-Organisatorin Tosca Friedrich.

Das Sommer-Camp in Albersdorf dient nicht nur den Experimenten gestandener Archäologen, sondern auch der Bildung des Nachwuchses: «Die jungen Studenten müssen sich erst mal bekannt machen mit den Materialien, gucken, wie was funktioniert», sagt Friedrich. «Man darf nicht vergessen, wir kommen von der Universität Hamburg - wir sind Stadtmenschen.» Die Studenten müssen erst mal bestimmte Fertigkeiten unserer Ahnen erlernen. «Wenn man als Archäologe auf Funde guckt und mit dem Material noch nie gearbeitet hat, wie soll man diese Funde dann interpretieren?»

Sie nennt als Beispiel das Töpfern. Beim ersten Brennen zersprangen die Töpfe und Schüsseln, es blieben nur Scherben. Heute helfen die Erfahrungen aus den Fehlschlägen. «Gerade Handwerk ist Erfahrungssache», sagt Friedrich.