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Foto: dpa
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23.12.2016

Astrophysiker sagt: Zufälle gibt’s, die gibt’s gar nicht

Da öffnet sich der Fallschirm einer 47-jährigen Amerikanerin nicht, und dann fällt sie auch noch nahezu ungebremst in ein Ameisennest – genau das ist ihr Glück. Was für ein Zufall. Aber gibt es so etwas wie „Zufall“ überhaupt? Astrophysiker Steven Klein sagt: „Nein!“

Es sollte ein unvergessenes Erlebnis werden, und genau das wurde es auch – allerdings in ganz anderer Hinsicht als geplant. Als die 47-jährige Joan Murray in 4350 Metern Höhe das Flugzeug verlässt, freut sie sich auf einen schönen Absprung mit dem Fallschirm. Dann passiert das, was jeder Fallschirmspringer fürchtet: Der Schirm öffnet sich nicht. In 200 Metern Höhe gelingt es ihr, den Reserveschirm zu aktivieren, aber er verheddert sich und kann so nicht seine volle Wirkung entfalten. Das Schlimmste was passieren kann, passiert: Joan Murray schlägt mit einer Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern auf den Boden auf – so hart, dass ihr Becken bricht, das rechte Bein splittert und die Plomben aus den Zähnen springen. Die Frau hat es so schwer erwischt, dass sie im Begriff ist zu sterben.

Dann aber passiert das, was niemand für möglich gehalten hätte: Der Zufall hat die 47-Jährige auf einem Nest der gefürchteten giftigen Feuerameisen landen lassen, die augenblicklich hundertfach über sie herfallen. Die behandelnden Ärzte im Krankenhaus von Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina gehen davon aus, dass es diese kleinen Giftinjektionen sind, die ihr Herz immer wieder stimulieren und es so am Schlagen halten, bis die Rettungskräfte eintreffen. So kommt es, dass Joan Murray das Krankenhaus nach zweiwöchigem Koma und einigen weiteren Wochen Aufenthalt wieder als gesunder Mensch verlassen kann. Unglaublich, was für ein Glück im Unglück, was für ein Zufall.

Gerade das macht den Zufall wohl aus: Er erscheint uns vollkommen unwahrscheinlich, unberechenbar und lässt sich kausal kaum erklären. Der Astrophysiker Steven Klein ist hingegen der Überzeugung: „Es gibt keinen Zufall, sondern lediglich eine Menge unbestimmter Faktoren. So ist auch die Annahme, das Wetter sei unvorhersehbar, falsch. Es werden lediglich zu wenig Parameter verwendet.“ Demnach ließe sich rein theoretisch beim Münzenwerfen durchaus voraussagen, ob Kopf oder Zahl fällt, wenn man alle Einflussfaktoren wirklich bis ins allerkleinste Detail kennt, wie etwa die exakte Oberflächenbeschaffenheit der Münze, die genaue Gewichtsverteilung, alle Informationen über das Werferverhalten sowie die Auswirkungen auf das Flugverhalten der Münze. Mit Zufall im eigentlichen Sinne hat das Ganze dann nichts mehr zu tun.

Wie wahrscheinlich ist das denn?

Da wir all diese Informationen aber oft gar nicht zur Verfügung haben, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als auch weiterhin vom Zufall zu sprechen. Soweit wie Klein muss man auch gar nicht gehen, denn wer kennt sich schon wirklich aus in der Welt der Wahrscheinlichkeiten und Zahlen? Nimmt etwa beim Münzenwerfen die Wahrscheinlichkeit mit jedem weiteren Wurf zu, dass Kopf fällt, wenn zuvor mehrere Male hintereinander schon die Zahl gefallen ist? Für viele von uns ist die Antwort so klar wie falsch und lautet: ja. Mathematiker aber wissen: Die Münze hat kein Gedächtnis – und auch der Zufall nicht. Bei jedem neuen Wurf stehen die Chancen also wieder 50 zu 50 – die Wahrscheinlichkeiten sind unbedingt, also unabhängig vom vorherigen Ergebnis. Der Zufall hat vollkommen freie Wahl.

Ganz anders sieht die Sache bei den bedingten Wahrscheinlichkeiten aus. Geht es etwa darum, eine begrenzte Menge von blauen und roten Zetteln, die jeweils in gleicher Menge existieren, aus einer Urne zu ziehen und nicht wieder zurückzulegen, so hat jede einzelne Ziehung Einfluss auf die verbleibende Menge der Zettel – und damit auch auf die Wahrscheinlichkeit, dass zukünftig eine bestimmte Farbe gezogen wird. Der US-amerikanische Mathematikprofessor John Allen Paulos geht davon aus, dass viele Menschen die Häufigkeit von Zufällen stark überschätzen und Übereinstimmungen aller Art viel zu große Bedeutung beimessen, während sie sich andererseits von nicht so spektakulären, statistischen Beweisen deutlich weniger beeindrucken lassen. Paulos nennt die Menschen mit diesen Problemen bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung und dem Umgang mit Zahlen im Allgemeinen „mathematische Analphabeten“.

Mathematische Analphabeten

Diese mathematischen Analphabeten sind seiner Ansicht nach besonders abergläubisch und anfällig für alles Paranormale, wenn sie in der Häufung von Zufällen in erster Linie das Wirken jenseitiger Kräfte sehen. In der Tat gibt es Häufungen von Zufällen, bei denen sich dieser Gedanke förmlich aufdrängt – so wie bei Hugh Williams, der in der Mitte des 17. Jahrhunderts einen Schiffsuntergang als Einziger überlebt. Auf den Tag genau 120 Jahre später macht eine andere Schiffskatastrophe von sich Reden. Alle Menschen an Bord sterben, bis auf einen – und der heißt Hugh Williams. Damit nicht genug: Im Jahr 1820 kentert auf der Themse ein Ausflugsboot, alle Passagiere ertrinken, bis auf einen: Hugh Williams. Im Juli 1940 läuft ein englisches Fischerboot auf eine Mine, diesmal überleben zwei Männer, ein Onkel und sein Neffe. Beide heißen – Sie ahnen es – Hugh Williams.

Zauberei oder unerklärlicher Zufall? Oder doch nur schnöde Wahrscheinlichkeitsrechnung – die Tatsache also, dass Hugh Williams ein überaus beliebter und verbreiteter Name ist? Laut US-amerikanischer Volkszählungsbehörde, dem United States Census Bureau, ist Williams heute der dritthäufigste Familienname allein in den USA. Psychologen kennen das hier zugrunde liegende Phänomen dann auch als „Apophänie“. Der Begriff bezeichnet das Erkennen von bedeutsamen Verbindungen, wo es in Wahrheit gar keine gibt. Es gibt also auch Zufälle, die gibt es gar nicht.