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Kaiser Akihito hat seinem Volk in einer Ansprache Mut gemacht. Trotzdem scheint die große Atomkatastrophe unausweichlich zu sein. © dpa
Sollte die nach einem möglichen Super-Gau entstandene radioaktive Wolke vom Atomkraftwerk Fukushima nach Tokio wehen und es dabei auch noch regnen, wären wohl Tausende von Menschen von den Strahlen verseucht. © dpa
Dialog Galery Das Bild einer Webcam vom 16.03.2011 des Energiekonzerns TEPCO zeigt Rauch über dem Atomkraftwerk (AKW) Fukushima 1, der vom Wind über den Pazifik geweht wird. © dpa
Die Lage in Atomkraftwerk Fukushima ist mittlerweile außer Kontrolle geraten. © dpa
16.03.2011

Atomkatastrophe schreitet fort: Japans Kaiser Akihito spricht Volk Mut zu

Im verzweifelten Kampf gegen den Super-GAU müssen die letzten Einsatzkräfte im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Eins immer neue Rückschläge hinnehmen. Feuer, Explosionen und plötzliche hohe Strahlung zwangen die Notbesatzung am Mittwoch vorübergehend zum Rückzug. Auch aus der Luft sollen die Druckbehälter mit Wasser gekühlt werden, um eine komplette Kernschmelze zu verhindern. Wie ernst die Lage ist, zeigte eine Fernsehansprache des Kaisers Akihito, der sich gewöhnlich nur zu offiziellen Anlässen zeigt. Er sprach seinem Volk in der dramatischen Lage Mut zu.

Am 6. Tag der Erdbeben- und Tusnami-Katastrophe warten tausende Überlebende in den Trümmern der Ortschaften weiter auf Hilfe. China setze überraschend alle Atom-Bauprojekte auf Eis. In Deutschland ist nach der Kehrtwende in der Atompolitik ein juristischer Streit entbrannt.

Die offizielle Zahl der Todesopfer stieg am Mittwoch auf 4255. Regierungschef Naoto Kan ging von mehr als 10 000 Vermissten aus. Schätzungsweise 430 000 Japaner leben seit dem schweren Beben und der darauffolgenden Flutwelle in mehr als 2400 Notunterkünften. Weitere Nachbeben erschütterten das Land.

In der 35-Millionen-Metropole Tokio, etwa 220 Kilometer südlich von Fukushima gelegen, wuchs die Sorge vor einer radioaktiven Verseuchung. Der Wind blies im Mittwoch weiter überwiegend aus Westen und trug damit giftige Strahlenpartikel auf den Pazifik hinaus.

Die Lage im japanischen Katastrophen-Atomkraftwerk eskaliert weiter. Erneut brach ein Feuer aus, zudem stieg aus einem Reaktor Rauch oder Dampf auf. Über das Ausmaß der Strahlung gab es widersprüchliche Angaben.

Der Regierungssprecher Yukio Edano gestand am Mittwochabend (Ortszeit) ein, irrtümlich ungenaue Informationen verlesen zu haben. Er sprach zunächst von einer Akutbelastung von 1000 Millisievert pro Stunde, die schnell wieder abgesunken sei. Die Agentur Kyodo berichtete später von 10 Millisievert unmittelbar auf dem Kraftwerksgelände. Beide Strahlenwerte sind stark erhöht, aber auf kurze Dauer nicht lebensgefährlich.

In der Atomanlage von Fukushima wagte sich die Notbesatzung nach einem Rückzug wieder an die Katastrophen-Reaktoren heran. Die Arbeiter setzen aus Sicht von Experten Gesundheit und Leben aufs Spiel.

«Diese Menschen sind erheblichen Belastungen ausgesetzt», sagte der Chef der Arbeitsgruppe Strahlungsphysik am Institut für Kern- und Teilchenphysik der Technischen Universität Dresden, Jürgen Henniger, der Nachrichtenagentur dpa.

Die etwa 20 Meter hohen stählernen Reaktor-Druckbehälter werden bewässert, um das Aufheizen zu verringern. Dabei gibt es Risiken: Wenn die Hülle Löcher hat, dringt Wasser ein. Mit dem entstehenden Wasserdampf entweichen auch radioaktive Partikel. Zudem drohen Risse in der etwa 20 Zentimeter dicken Wand, wenn kaltes Wasser auf den extrem heißen Stahlkörper trifft.

Die hohe Strahlung und böiger Wind verhinderten Hubschrauber-Einsätze zum Kühlen der Brennstäbe. Die Maschinen sollten Wasser in den havarierten Reaktor schütten. Die Regierung stoppte bis auf weiteres die geplanten Flüge des japanischen Militärs über den Reaktorblöcken 3 und 4, wie die Agentur Kyodo meldete. Beide Meiler sind durch Feuer und Explosionen teilweise zerstört.

Der Einsatz war angeordnet worden, um die Brennstäbe mit Meerwasser und Borsäure zu kühlen. Dies ist notwendig, um eine Kernschmelze zu verhindern.

Im Reaktor 4 hatte es zudem zwischenzeitlich gebrannt. Alternativ prüfen die Behörden den Einsatz von Wasserwerfern. Mit den Löschkanonen könnte das Innere der Meiler bewässert werden. Die Fahrzeuge kamen bislang aber nach japanischen Angaben ebenfalls nicht zum Einsatz.

Bei allen Hiobsbotschaften gab es auch Positives: Die Schutzhülle des Reaktors 3 sei - entgegen erster Annahmen - nicht erheblich beschädigt, teilte die Regierung mit. Allerdings gibt es auch in den abgeschalteten Fukushima-Blöcken 5 und 6 Probleme. Experten erwarten eine Erhitzung der Brennelemente. In den Blöcken 1 und 2 liegen die Brennstäbe bereits teilweise frei, was die Gefahr einer Kernschmelze erhöht.

Auch nach den neuen Vorfällen gebe es keine Pläne, die Evakuierungszone rund um das Atomkraftwerk auszuweiten, sagte Edano. Aktuell gilt ein 20-Kilometer-Radius. Zudem sollen Bewohner im Umkreis von 30 Kilometern in geschlossenen Räumen bleiben. Es gebe bislang keine Gesundheitsgefahr für die Menschen im erweiterten Umkreis, hieß es.

Kaiser Akihito sprach den Japanern in einer seiner seltenen Ansprachen Mut zu. «Ich hoffe aufrichtig, dass die Menschen diese schreckliche Zeit überstehen werden, indem sie sich gegenseitig helfen», sagte der 77-Jährige in einer Videobotschaft, aus der die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch zitierte. Zudem übermittelte er den Opfern des Erdbebens und des Tsunamis sein Beileid.

In der vom Tsunami überschwemmten Küstenregion herrschten weiter katastrophale Zustände. Ein Wintereinbruch behinderte den Einsatz der Hilfskräfte. Tausende Menschen mussten in den Trümmern ihrer einstigen Siedlungen ausharren. Vielerorts würden die Lebensmittel knapp, berichteten Augenzeugen. Es fehlte an Strom und Heizwärme. In der Nacht waren im Nordosten des Landes die Temperaturen deutlich unter null Grad gefallen.

In Deutschland haben die Opposition - und auch Koalitionspolitiker - rechtliche Bedenken gegen die vorläufige Abschaltung von acht Meilern. Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht dagegen eine sichere Rechtsgrundlage für das angekündigte Moratorium.

Die Kanzlerin bereitete die Bundesbürger wegen der Abschaltung auf höhere Strompreise vor. Die Bundesregierung hatte die dreimonatige Abschaltung der ältesten Atomkraftwerke unter dem Eindruck der japanischen Ereignisse verkündet.

Auch die chinesische Regierung vollzieht eine Kehrtwende. Die Regierung legte am Mittwoch alle Atom-Bauprojekte vorläufig auf Eis. Zunächst müssten die Sicherheitsbestimmungen überprüft werden, erklärte das Kabinett. Noch am Montag hatte Chinas Volkskongress beschlossen, bis 2015 den Bau Dutzender Kernkraftwerke mit 40 Gigawatt Gesamtleistung zu beginnen.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat offensichtlich die Japaner bereits vor mehr als zwei Jahren auf Probleme bei der Erdbeben-Sicherheit ihrer Meiler hingewiesen. Die Anlagen seien starken Beben nicht gewachsen, wird ein IAEA-Experte in einer diplomatischen US-Depesche vom Dezember 2008 zitiert. Das berichtete die britische Zeitung «Daily Telegraph» unter Berufung auf die Enthüllungsplattform Wikileaks. dpa

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