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Ein Mann liegt in Essen (Nordrhein-Westfalen) im Vorraum einer Bank (undatiert). Vier Passanten, die in einer Essener Bankfiliale einen hilflosen Rentner ignoriert haben sollen, müssen sich wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht verantworten.
Ein Mann liegt in Essen (Nordrhein-Westfalen) im Vorraum einer Bank (undatiert). Vier Passanten, die in einer Essener Bankfiliale einen hilflosen Rentner ignoriert haben sollen, müssen sich wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht verantworten. © Polizei Essen/dpa
13.09.2017

Bankkunden sollen hilflosem Mann nicht geholfen haben - Prozessbeginn

Essen. Eine Überwachungskamera im Vorraum einer Essener Bankfiliale dokumentierte vor knapp einem Jahr einen aufsehenerregenden Fall: Auf dem Weg zum Bankautomaten stiegen vier Menschen über einen zusammengebrochenen alten Mann oder machten einen großen Bogen um ihn.

Dann verließen sie die Bankfiliale wieder - ohne ihm zu helfen. Der 83-Jährige starb später. Drei der vier Bankkunden stehen am kommenden Montag (18. September) vor Gericht - angeklagt wegen unterlassener Hilfeleistung. Das Verfahren gegen den vierten Angeklagten wurde wegen dessen Gesundheitszustands abgetrennt.

Laut Anklage wollte der Senior am Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober, Bankgeschäfte an einem Überweisungsautomaten erledigen. Dabei stürzte er innerhalb weniger Minuten zweimal rückwärts und kam dabei mit dem Kopf auf dem Fliesenboden auf. Nach einem dritten Sturz blieb er liegen. Wenige Minuten später betraten nacheinander vier Kunden die Filiale. «Die Angeklagten sollen den auf dem Boden liegenden Mann nicht beachtet und sich nicht um ihn gekümmert haben», teilte das Gericht mit. Sieben Minuten vergingen, bis der fünfte Kunde einen Notruf absetzte. Weitere 20 Minuten später sei ein Rettungswagen gekommen, der den Senior in eine Klinik brachte. Der Mann kam nicht wieder zu Bewusstsein und starb eine Woche später.

Ein Gutachten ergab, dass er auch gestorben wäre, wenn ein Arzt eher gekommen wäre. Die genaue Todesursache konnte allerdings nicht geklärt werden. Eine Obduktion ergab, dass der 83-Jährige eine Schädel-Hirn-Verletzung erlitten hatte, die zu einem Sturz auf den Hinterkopf passte.

Zwei der Angeklagten hatten nach früheren Angaben der Staatsanwaltschaft ausgesagt, sie hätten den Mann für einen Obdachlosen gehalten. Die Ankläger werteten dies als Schutzbehauptung, da der Mann weder Plastiktüten noch einen Schlafsack dabei hatte. Auch seine Liegeposition habe dagegen gesprochen.

Vor Gericht stehen am Montag ein 55-jähriger Mann aus Oberhausen sowie eine 39-jährige Frau und ein 21-jähriger Mann aus Essen. Der vierte Angeklagten, dessen Verhandlungsfähigkeit noch geprüft wird, ist ein ebenfalls 55 Jahre alter Mann aus Essen.

Das Gericht geht davon aus, dass die Verhandlung noch am Montag beendet werden kann. Sechs Zeugen sind geladen. Neben vier Polizeibeamten und dem Mann, der den Notruf wählte, wird auch die Tochter des Verstorbenen erwartet. Zwei medizinische Sachverständige sollen ebenfalls aussagen.