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© Screenshot / Französisches Innenministerium
Die Bergung der 150 Leichen des Absturzes eines Germanwings-Airbusses könnte noch bis zu zwei Wochen andauern.  © dpa
Ermittler haben mit der Durchsuchung der Düsseldorfer Wohnung des verdächtigen Germanwings-Copiloten begonnen. Sie betraten das Haus am Stadtrand, in dem der 27-Jährige wohnte. Kriminalbeamte suchen nun nach Hinweisen auf ein mögliches Motiv oder Anzeichen für eine psychische Erkrankung. © dpa
Selbstmord mit einem Airbus? Der Co-Pilot soll bewusst den Flugkapitän ausgesperrt und dann den Sinkflug und Absturz eingeleitet haben. © dpa
Helfer versuchen die Opfer zu bergen.
Der "Voice Recorder" der verunglückten Maschine soll Klarheit über die Absturzursache bringen. © dpa
Die Retter suchen weiter nach dem Inhalt einer zweiten Blackbox. Große Fortschritte bei der Auswertung der Audiodatei der ersten Blackbox scheint es noch nicht gegeben zu haben. © dpa
© maps4news / Symbolbild dpa
Nur mit Hubschraubern sind Rettungskräfte ins Absturzgebiet zu bringen. Sie müssen in einem großen Gebiet nach den 150 Leichen suchen, die im Airbus von Germanwings mitgeflogen sind. © dpa
Weit verstreut liegen die Wrackteile des abgestürzten Germanwing-Airbus.   © dpa
24.03.2015

Bergung von 4U 9525 wird fortgesetzt – Co-Pilot hatte offenbar Ortskenntnisse am Absturzort

Der Copilot der abgestürzten Germanwings-Maschine soll die Unglücksregion in den Alpen seit seiner Jugendzeit gut gekannt haben. Am Absturzort des Germanwings-Flugzeugs in den französischen Alpen setzten Bergungskräfte am Samstag ihre Arbeit fort. Die Lufthansa sicherte den Hinterbliebenen finanzielle Soforthilfe zu.

Bildergalerie: Germanwings-Airbus in Frankreich abgestürzt - 67 Deutsche tot

Die Eltern des Germanwings-Copiloten kamen zwischen 1996 und 2003 mit ihrem Segelflugclub aus Montabaur zum Fliegen in französischen Alpen, wie Francis Kefer vom Flugfeld in Sisteron am Samstag dem französische Sender iTele sagte. Die Eltern seien mit ihrem Sohn gekommen, der damals Heranwachsender war. Sisteron liegt gut 40 Kilometer westlich der Absturzstelle. Er selbst habe die Familie dort nie getroffen, doch deren Aufenthalte seien im Club allgemein bekannt, sagte Kefer der Deutschen Presse-Agentur.

Der Flugverein von Seyne-les-Alpes, noch näher am Katastrophenort gelegen, hat indes keine Hinweise auf einen früheren Aufenthalt der Familie des Copiloten. «Wir haben dazu nichts gefunden», sagte ein Verantwortlicher, der namentlich ungenannt bleiben wollte, der dpa.

Soforthilfe für Angehörige

Eine Lufthansa-Sprecherin bestätigte am Freitagabend einen «Tagesspiegel»-Bericht, wonach der Konzern den Angehörigen der Opfer eine Soforthilfe zahlen will. «Lufthansa zahlt bis zu 50 000 Euro pro Passagier zur Deckung unmittelbarer Ausgaben», zitierte die Zeitung einen Germanwings-Sprecher. In der Nähe der Absturzstelle in Frankreich eröffnet Germanwings am Samstag ein Betreuungszentrum für Angehörige.

Im Kölner Dom soll am 17. April mit einem Gottesdienst und einem staatlichen Trauerakt der Opfer des Flugzeugabsturzes vom vergangenen Dienstag gedacht werden. Erwartet werden dazu neben Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch Vertreter aus Frankreich, Spanien und anderen Ländern, aus denen die Opfer der Flugkatastrophe stammten.

Angehörige der Passagiere des verschwundenen Malaysia-Airlines-Fluges MH370 sprachen den Hinterbliebenen des abgestürzten Germanwings-Fluges am Samstag ihr Beileid aus. «Unsere Gedanken und Gebete sind mit den Familien und Freunden der Passagiere und Besatzungsmitglieder von 4U9525», schrieben die MH370-Familien auf ihrer Facebook-Seite. «Wir geben ihnen unsere Unterstützung in diesen herzzerreißenden Zeiten.»

Motivsuche

Der Copilot hatte nach Erkenntnissen der Ermittler vor seinem Arbeitgeber Germanwings eine Erkrankung verheimlicht. Die Fahnder entdeckten in der Wohnung des 27-Jährigen «zerrissene, aktuelle und auch den Tattag umfassende Krankschreibungen», wie die Staatsanwaltschaft Düsseldorf am Freitag mitteilte. Über die Art der Erkrankung wurde nichts mitgeteilt, die Ermittler hatten aber nach Hinweisen auf ein psychisches Leiden gesucht. Ein Abschiedsbrief oder ein Bekennerschreiben wurden nicht gefunden.

Nachdem am Freitag bereits die «Bild»-Zeitung über starke psychische Probleme des Copiloten berichtet hatte, gab es am Samstag weitere Berichte mit Details dazu. Eine offizielle Bestätigung dafür fehlte aber weiterhin. Das Luftfahrtbundesamt in Braunschweig überprüfte nach Angaben seines Sprechers die Personalakte des Germanwings-Copiloten. «Wir haben Einsicht in die Unterlagen genommen und die Erkenntnisse mündlich an die Staatsanwaltschaft gegeben», sagte Holger Kasperski der dpa. «Mehr gibt es dazu aktuell nicht zu sagen», fügte er hinzu. Andernfalls seien die Ermittlungen gefährdet.

Auch einen sogenannten SIC-Eintrag in der Personalakte wollte der Sprecher nicht bestätigen. Ein solcher Eintrag steht für besondere regelhafte medizinische Untersuchungen.

Die deutschen und andere europäische Fluggesellschaften zogen schnell Konsequenzen aus dem Absturz und verschärften mit sofortiger Wirkung ihre Regeln für die Besetzung im Cockpit. Kein Pilot darf sich bis auf weiteres mehr allein dort aufhalten. Weltweit reagierten auch viele andere Airlines.

 

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Bundespräsident Joachim Gauck nahm am Vormittag an einem Gedenkgottesdienst im westfälischen Haltern teil. 16 Schüler und zwei Lehrerinnen des dortigen Gymnasiums waren an Bord des Airbus, der am Dienstag auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen an einem Bergmassiv zerschellte.

Die Bergungsarbeiten, die am Freitag in den vierten Tag gingen, können sich in dem unwegsamen Gelände hinziehen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Suche nach dem zweiten Flugschreiber, der weitere Erkenntnisse zum Geschehen im Cockpit liefern könnte.

Germanwings eröffnet am Samstag in der Nähe der Absturzstelle ein Betreuungszentrum für Angehörige. Für Freitag war ein vierter Sonderflug mit Hinterbliebenen aus Barcelona geplant. Von den etwa 50 Angehörigen, die am Donnerstag die Unglücksstelle besucht hatten, flogen die meisten wieder zurück nach Deutschland. Der Bundesrat gedachte zu Beginn seiner Sitzung am Freitag der Opfer, unter denen laut Auswärtigem Amt 75 Deutsche sind.

Die Auswertung des Stimmenrekorders hatte ans Licht gebracht, dass der Copilot seinem Kollegen nach einem Toilettengang nicht mehr die automatisch verriegelte Cockpit-Tür öffnete. Danach soll er nach derzeitigem Ermittlungsstand das Flugzeug eigenmächtig auf Sinkflug gebracht haben. Bis zuletzt ist auf der Aufnahme Atmen zu hören.

Das Universitätsklinikum Düsseldorf bestätigte am Freitag, dass Lubitz dort Patient war. «Meldungen, wonach Andreas L. wegen Depressionen in unserem Haus in Behandlung gewesen sei, sind jedoch unzutreffend», erklärte eine Sprecherin.

Die zwischenzeitlich eingeführte Zwei-Personen-Regel fürs Cockpit gilt für deutsche Airlines erst einmal vorläufig. Dies sei nach Abstimmungen mit dem Verkehrsministerium und dem Luftfahrt-Bundesamt so beschlossen worden, teilte der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) am Freitag mit. Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow hatte den Schritt auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur bereits am Donnerstagabend angekündigt.

Auch Lufthansa will die neuen Regeln für sämtliche Passagierflüge umsetzen. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) begrüßte die Verschärfung. «Das Vier-Augen-Prinzip im Cockpit ist eine richtige Überlegung», sagte er am Freitag der dpa.

EU-Behörden denken ebenfalls über neue Empfehlungen nach. Kurzfristige Maßnahmen würden geprüft, hieß es. In Großbritannien ändern die meisten Airlines ihre Regeln nach einer Empfehlung der Flugsicherheitsbehörde. In Österreich verpflichtete die zuständige Austro Control alle Fluglinien zu der Änderung.

Die skandinavische Fluggesellschaft SAS, Air Baltic, Norwegian und Air Canada führen ebenfalls das Vier-Augen-Prinzip ein. «Das bedeutet, dass wenn einer der Piloten das Cockpit verlässt, etwa um auf Toilette zu gehen, eines der Crewmitglieder ins Cockpit gehen muss», sagte eine Sprecherin der norwegischen Fluglinie der dpa. Von Air France hieß es, man verfolge aufmerksam die Entwicklungen und die Untersuchungsergebnisse.

Bundespräsident Gauck versprach den Angehörigen der Absturzopfer Unterstützung. Es entstehe ein «Band des Mitleidens und Mittrauerns», sagte er nach dem Gottesdienst in Haltern. Er wurde von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft begleitet.

Das geschah auf Flug 4U9525 - Die zentralen Aussagen der Ermittler

Der Marseiller Staatsanwalt Brice Robin hat am Donnerstag bei einer Pressekonferenz über die neuesten Erkenntnisse zur Flugzeug-Katastrophe von Seyne-les-Alpes informiert. Die zentralen Aussagen:

# Der Copilot hat den Sinkflug selbst ausgelöst und den Airbus mit 150 Menschen an Bord so absichtlich zum Absturz gebracht.

# Er war zum diesem Zeitpunkt allein im Cockpit. Der Pilot war aus der Kabine ausgesperrt.

# Auf einen terroristischen Anschlag deutet nach derzeitigem Stand nichts hin.

# Der Copilot war der 28 Jahre alte Andreas Lubitz. Über seine Motive ist bisher nichts bekannt.

# Auf Ansprache des Towers in den letzten acht Minuten vor dem Zerschellen der Maschine reagierte der Mann nicht. Ein Notruf wurde nicht abgesetzt.

# Der Pilot konnte nach einem Gang zur Toilette die automatisch verriegelte Kabine nicht mehr öffnen. Zuletzt hämmerte er mit der Crew von außen an die Tür.

# Der Stimmenrekorder zeichnete bis zum Aufprall schweres Atmen aus dem Cockpit auf. Der Copilot war also am Leben.

# Schreie von Passagieren sind erst in den letzten Sekunden zu hören.

# In den ersten 20 Minuten nach dem Start unterhielten sich Pilot und Copilot ganz normal.

# Der zweite Flugschreiber ist noch nicht gefunden.

# Die Bergung und Identifizierung der Opfer in dem unwegsamen Gelände kann mehrere Wochen dauern. Erste DNA-Proben werden analysiert.

Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich ziehen die größten deutschen Fluggesellschaften Konsequenzen und wollen die Zwei-Personen-Regel im Cockpit einführen. Künftig soll sich kein Pilot während des Fluges mehr allein im Cockpit aufhalten dürfen, wie Matthias von Randow, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstagabend sagte.

Am Freitag solle die neue Zwei-Personen-Regelung mit dem Luftfahrt-Bundesamt besprochen werden, kündigte er an. Die Airlines wollen das neue Vorgehen unverzüglich umsetzen.

Das betreffe etwa den Lufthansa-Konzern mit Germanwings, Air Berlin, Condor und TuiFly. Darauf habe sich der Verband mit den Mitglieds-Airlines am Donnerstag nach den jüngsten Erkenntnissen zum Absturz in Südfrankreich verständigt.

Fliegerarzt: Jährliche Psychotests für Piloten wären überzogen

Der Vizepräsident des Deutschen Fliegerarztverbands, Uwe Beiderwellen, hält psychologische Tests bei jeder Routineuntersuchung von Piloten für überzogen. In der Regel müssten sie alle zwölf Monate zu einer körperlichen Untersuchung. «Das ist ein rein internistischer Check-up, wobei auf dem Fragebogen, den die Piloten vorher ausfüllen müssen, natürlich auch nach dem psychischen Befinden der Piloten gefragt wird», sagte Beiderwellen am Freitag dem SWR.

Es sei schwierig, psychische Störungen vorherzusagen: Ein Pilot könne bei einem jährlichen Test völlig gesund und gut drauf sein; einen Monate später könne eine Trennung oder der Tod der Eltern die Situation ändern. «Und wie wollen Sie das vorhersagen, vier Wochen vorher?», fragte der Experte. Er schloss nicht aus, dass ein Psychologe eher auf psychische Erkrankungen stoßen könnte. «Aber die Implementierung einer grundsätzlichen psychologischen Untersuchung bei jeder Routineuntersuchung halte ich dann doch für überzogen.»

 

«Traum vom Fliegen» wird zum Horror - Copilot kam aus dem Westerwald 

Seinen «Traum vom Fliegen», den habe er sich erfüllen können und teuer mit seinem Leben bezahlt - so hieß es in der Traueranzeige für den Copiloten der Germanwings-Maschine. Dass der 28-Jährige den Absturz nach Erkenntnissen der Ermittler absichtlich herbeiführte und mit sich 149 andere Menschen in den Tod riss, konnte der Verein LSC Westerwald nicht wissen, als er die Anzeige für den Copiloten ins Internet setzte.

Andreas Lubitz wuchs nach Stadtangaben in der Westerwald-Kommune Montabaur auf, in einem ruhigen Wohngebiet im Süden der Stadt, inmitten von Einfamilienhäusern mit Gärten und nicht weit von einem Freizeitbad. Dort ist er auch noch teilweise zu Hause, auch in Düsseldorf soll er gewohnt haben.Seit September 2013 arbeitete Lubitz als Copilot bei Germanwings, vorher war er nach Lufthansa-Angaben während einer Wartezeit Flugbegleiter. «Er war 100 Prozent flugtauglich, ohne Einschränkungen und Auflagen» sagt Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Als Absolvent kam Lubitz frisch von der Verkehrsflieger-Schule der Lufthansa in Bremen zum Kölner Unternehmen.

Seine Mutter arbeitet als Organistin, sagte Pfarrer Johannes Seemann von der evangelischen Kirchengemeinde in Montabaur. Ihren Sohn, einen sportlichen jungen Mann, kennt er aber nicht persönlich.

Lubitz lernte das Fliegen im Luftsportclub Westerwald (Montabaur) lieben. Lange Jahre stieg er dort in die Flieger und landete sie sicher. Im vergangenen Jahr habe er seine sogenannten Scheinerhaltungsflüge gemacht, sagte der Vereinsvorsitzende Klaus Radke. «Da habe ich ihn als sehr netten, lustigen und höflichen Menschen kennengelernt», sagte er weiter. Die Internet-Seite des LSC Westerwald war nach den Meldungen aus Frankreich nicht mehr abrufbar.

«Andreas starb als erster Offizier im Einsatz auf dem tragischen Flug», hieß es in der Anzeige des Vereins weiter. Er habe als Segelflugschüler begonnen und es bis zum Piloten auf einem Airbus A 320 geschafft. «Er konnte sich seinen Traum erfüllen, den Traum den er jetzt so teuer mit seinem Leben bezahlte.»

 

«Mayday» im Cockpit: Suizid ist das Tabuthema der Luftfahrt

Rund 48 Stunden nach dem Absturz des deutschen Germanwings-Airbus in den französischen Alpen scheint das Unglaubliche festzustehen: Eine absichtliche Tat des Co-Piloten riss nach Erkenntnisse der Blackbox-Auswertung 150 Menschen in den Tod. Das teilte die Staatsanwaltschaft Marseille mit. Ermittler Brice Robin vermied dabei das Tabu-Thema «Piloten-Suizid». Doch er ließ keinen Zweifel dran: Der junge Co-Pilot hat bewusst den verhängnisvollen Sinkflug eingeleitet, nachdem er zuvor den Flugkapitän ausgesperrt hatte.

Es ist die Horrorvision der Luftfahrt, die Piloten und Passagiere in ihrem Entsetzen eint. Denn wenn der Feind von innen kommt, helfen auch die ausgefeiltesten Sicherheitssysteme nicht. «Es sind ganz besondere Situationen, die man nicht verhindern kann», sagte der Chefredakteur des Fachmagazins Aero International, Dietmar Plath.

An Bord des Unglücksflugs 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben - vergleichbar mit denen, die sich einige Zeit zuvor an Afrikas Himmel ereignet haben. Dort hatte am 29. November 2013 ein Pilot auf dem Flug Maputo-Luanda über dem namibisch-angolanischen Grenzgebiet eine relativ neue Embraer 190 auf ähnliche Weise bewusst in den Boden gesteuert - 34 Menschen starben.

Eine Untersuchungskommission fand später heraus, dass der Pilot sich im Cockpit eingeschlossen und absichtlich den Absturz auslöst hatte. Auch dort trommelte der ausgesperrte Flugkapitän verzweifelt gegen die Tür, bevor der bewusst eingeleitete Sinkflug in den Tod abrupt endete.

Es sind Vorfälle, die extrem selten sind - aber allein der Gedanke lässt erschaudern. Viele Profis hielten sich am Donnerstag bewusst mit Äußerungen zurück - gerade bei den Piloten saß der Schock zu tief. Denn strenge Auswahltests und psychologische Eignungstests stellen bei den meisten Airlines eigentlich sicher, dass nur charakterlich gefestigte Kandidaten Pilot werden können. Regelmäßige medizinische Tests und auch vertrauliche innerbetriebliche Meldesysteme sollen gewährleisten, dass auffälliges Piloten-Verhalten entdeckt wird. Wie kann es dann gerade bei einer als solide geltenden Fluggesellschaft wie der Lufthansa-Tochter Germanwings zu einer solchen Tat kommen?

Gerade zur Urlaubszeit dürfte nun bei zahlreichen Passagieren das Unwohlsein zunehmen. Denn auch wenn vergangenes Jahr weltweit 3,3 Milliarden Menschen ein Flugzeug nutzten: den Nimbus des Undurchschaubaren hat die Fliegerei bis heute nicht verloren. Anders als im Zug oder Reisebus sind in der Luft zudem Hunderte Menschen dem Können und der Zuverlässigkeit von nur zwei Personen bedingungslos ausgeliefert. Die komplexe Technik moderner Verkehrsjets erlaubt es Laien nur in Hollywood-Filme, sie wieder heil auf die Erde zu bringen.

Und wenn sich dieses eingespielte Cockpit-Team selbst nicht mehr trauen kann, wird es heikel auf den Luftstraßen dieser Welt. In den hochautomatisierten Jets gibt es ein kompliziertes Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Die Computer korrigieren Fehler umgehend. Vor einer bewusst falschen Programmierung eines Fluges ins Verderben sind auch sie nicht gefeit.

Mit akribischer, pedantischer Gründlichkeit wird das tragische Unglück und das noch völlig unerklärliche Handeln des jungen deutschen Co-Piloten nun aufgeklärt und analysiert werden. Es ist eine Ungewissheit, die nicht nur die Hinterbliebenen der Opfer plagt, sondern auch die Industrie. Sie will begreifen, was schieflief, um entsprechende Rückschlüsse in die Verbesserung ihrer Systeme einfließen zu lassen und mögliche Schwachstellen zu beseitigen. Auch wenn in diesem Fall die Schwachstelle der Mensch selber war.

 

 In den französischen Alpen hat der fünfte Tag der Suche nach Opfern des Germanwings-Absturzes begonnen. Die Arbeiten waren über Nacht unterbrochen worden. Bilder des französischen Fernsehens zeigten, wie Hubschrauber erneut in den Einsatz flogen. Die Retter konzentrieren sich neben der Bergung und Identifizierung der Leichen weiter auf die Sicherung der Unfallstelle in dem schwierigen Gelände. Rechtsmediziner arbeiten bereits an der Identifizierung der sterblichen Überreste, die schon ins Tal gebracht wurden. Weiter gesucht wird nach dem zweiten Flugschreiber des Airbus der Lufthansa-Tochter Germanwings. Er soll weitere Erkenntnisse zum Geschehen im Cockpit vor dem Absturz liefern.

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