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Den Reise-Gebetsteppich haben die Muslime immer dabei.
Den Reise-Gebetsteppich haben die Muslime immer dabei.
Heiß aufs Derby:  Dietlingens Marcel Steinmetz (rechts).
Heiß aufs Derby: Dietlingens Marcel Steinmetz (rechts).
02.06.2009

Beten - aber nicht für den Fußballgott

Im Fußballkreis Pforzheim steht der letzte Spieltag auf dem Programm – und der ist an Spannung kaum zu überbieten. Titelrennen, Abstiegskampf, für manche Teams heißt es nur noch: Beten, beten, beten. So etwa wie es die Spieler beim 1. FC Steinegg machen.

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Der Tabellenletzte der Kreisklasse B2 hat turbulente Jahre hinter sich. Zweistellige Niederlagen, kurzfristige Spielabsagen, im Dezember 2006 musste sogar die Mannschaft abgemeldet werden. „Da lief einiges schief“, blickt Steineggs Vorsitzender Uwe Birringer zurück und beschreibt den damaligen Spielerkader so: „Wer von den Jungs sonntags unter zwei Promille hatte, der galt als nüchtern.“ In diesem Zustand hätten leider, so Birringer, zu viele Spieler den Platz betreten. Klar, dass das Image des Vereins darunter litt. „Irgendwann mussten wir die Reißleine ziehen“, so der FC-Präsident. Die Mannschaft wurde abgemeldet. In dieser Runde ging der Verein dann aber wieder an den Start – dank einer Gruppe von muslimischen Hobby-Fußballern. „Wir waren auf der Suche nach einem Platz zum Bolzen“, erzählt Lahouari Babaa, der schon früher für Steinegg kickte und nun mit seinen Kumpels dafür sorgte, dass der 1. FC Steinegg wieder am Ball ist.

„Das sind alles dufte Typen. Mit ihnen haben wir wieder eine Mannschaft auf die Beine gestellt“, freut sich auch ihr Trainer Michael Ruoff, der von der VfR-Jugend kam. Doch in Steinegg staunten sie nicht schlecht, als Lahouari Babaa, Charkass Faisal, Hicham Bedoui und Tarik Qasem im Training plötzlich den Gebetsteppich statt den Kickschuhen aus der Sporttasche auspackten und diesen in der Kabine ausrollten. „Das war anfangs schon etwas ungewohnt“, meint Mittelfeldspieler Julian Schindele. „Mittlerweile ist es aber ganz normal.“ Normal ist auch, dass die muslimischen Fußballer auch schon mal vor oder nach einer Partie auf dem Spielfeld beten. „Einige Zuschauer gucken da schon komisch“, weiß Birringer.

„Wir haben unseren Gebetsteppich immer dabei“, erzählt der Algerier Lahouari Babaa. Er ist einer von 15 Muslimen im 30-Mann-Kader des 1. FC Steinegg. Seine Freunde kommen aus Algerien, Marokko, Tunesien, Syrien und Palästina. Sogar ein Deutscher rollt den „Sajjad“ aus. Ihr Glaube schreibt vor, fünfmal am Tag zu beten. Die Steinegger Kicker nehmen sich dafür rund zehn Minuten Zeit.

„Wir haben nun eine klare Abstimmung getroffen, dass sie am Spieltag vor dem Treffpunkt gebetet haben müssen“, erklärt Ruoff. Die Spielvorbereitung sei demnach nicht gestört, so der Coach, auch weil die Muslime ihr Gebet bis zu einem gewissen Zeitpunkt verschieben können. Und für was beten die gläubigen Fußballer? Für Siege in der Meisterschaft? „Nein, so etwas gibt es bei uns nicht“, erklärt der Syrier Charkass Faisal. „Wir beten zu Allah. Die Gebete haben aber nichts mit Fußball zutun.“

Ein Stoßgebet zum Fußballgott schicken da eher schon ihre Mannschaftskollegen in den Himmel. Und dafür hatten sie in dieser Runde auch allen Grund zu. Denn die Leistungen des B-Ligisten ließen zu wünschen übrig. Nur zweimal verließ man in dieser Runde als Sieger den Platz. „Egal“, meint Ruoff, „wichtig war, dass sich die Multi-Kulti-Truppe versteht. Das tut sie. Jetzt schauen wir weiter.“

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Den Beistand von oben hätten sich am vergangenen Spieltag wohl auch gerne die Spieler des VfR Pforzheim gewünscht. Der Kreisligist verlor am vorletzten Spieltag beim TV Gräfenhausen mit 1:2, rutschte von Platz eins auf vier und hat mit großer Wahrscheinlichkeit damit die Meisterschaft verspielt. „Wir sind in Gräfenhausen mit der stärksten Mannschaft angetreten, aber der Kopf der Spieler war nicht frei“, begründet VfR-Spielleiter Werner Bordt die ärgerliche Niederlage. Ist jetzt nach einer grandiosen Aufholjagd in der Rückrunde (elf Punkte Rückstand) alles für die Katz‘ gewesen? „Es scheint so, aber wer weiß, vielleicht geschieht ja noch ein Wunder“, so Bordt vor dem letzten Spiel daheim gegen den Dritten SV Neuhausen. Dass allerdings Spitzenreiter Fatihspor Pforzheim (beim TSV Grunbach) und der Zweite 1. FC Ersingen (beim 1. FC Bauschlott) Federn lassen, ist eher unwahrscheinlich. Fragt sich jetzt nur noch, macht’s die Göktürk-Truppe oder die Kauselmann-Elf?

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Wahnsinnig spannend ist auch das Titelrennen in der Kreisklasse A2. Tabellenführer TuS Ellmendingen (73) und Verfolger 1. FC Unterreichenbach (71) biegen gemeinsam auf die Zielgerade ein – und die Gemeinde Keltern fiebert jetzt schon dem großen Saisonfinale entgegen. Denn ausgerechnet der 11. FC Dietlingen könnte Ellmendingen die Meisterschaft vermasseln. „Wir sind heiß und wollen das Derby klar für uns entscheiden“, sagt Dietlingens Spielleiter Wolfgang Geiger und fügt hinzu: „Der Stachel von der 1:5-Klatsche aus dem Hinspiel sitzt noch tief. Wir haben noch etwas gutzumachen.“ Geiger ist sich sicher, dass die beiden Interimstrainer Udo Nittel und Heiko Staffl ihre Spieler auf den Punkt genau motivieren werden. „Ein Sieg über den TuS ist in Dietlingen das Größte“, so der 59-Jährige.

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Ellmendingen oder Unterreichenbach, das ist uns egal“, meint derweil Martin Thiel. Der Spielleiter des 1. FC Nußbaum ist locker wie eh und je. Sein Team muss in der Relegation zur Kreisliga am Freitag, 12. Juni, um 18 Uhr in Nöttingen gegen einer der beiden Teams ran. „Einen Wunschgegener haben wir nicht, aber Ellmendingen kennen wir aus den Vorbereitungsspielen“, so Thiel, der selbst jahrelang das TuS-Trikot getragen hat. Einen Neuzugang meldet der 1. FCN jetzt schon: Manfred Metzger, Sohn des Oberbürgermeisters aus Bretten PPaul Metzger, soll die Offensive verstärken.

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Einen Treffer Marke „Tor des Monats“ erzielte Thomas Hewig vom FSV Buckenberg beim 4:2-Sieg gegen den FC Germania Brötzingen. Vom Anstoß weg überlistete der 20-Jährige den Germanen-Keeper, der nach dem Pausentee noch ein „Schwätzchen“ mit einem seiner Mitspieler am 16er hielt. „Super Tor. Thomas fackelt eben nicht lange“, meint Michael Hohl vom Spielausschuss des FSV.

„Ein schönes Ding“, meinte auch Brötzingens Trainer Jürgen Geigle, der sich über das zwischenzeitliche 1:2 aber wenig ärgerte. Die etatmäßige Nummer eins Alexander Sollner weilte in Österreich auf einer Hochzeit, die Nummer zwei Philipp Michalzik meldete sich krank, also musste mit Oguzhan Celebi ein Feldspieler in den Kasten. „Er hat seine Sache gut gemacht“, lobt Geigle seinen Aushilfskeeper. Derweil muss der Brötzinger Coach den Ausfall von Gero Scordino verkraften. Wie sich nach dem Spiel herausstellte, brach sich der Stürmer bei einem unglücklichen Zusammenprall den Halswirbel.

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