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Trauer nach der Katastrophe: Der Birkenfelder Daniel Frens war mit Freunden auf der Loveparade in Duisburg, er sieht die Schuld bei den Organisatoren.
Trauer nach der Katastrophe: Der Birkenfelder Daniel Frens war mit Freunden auf der Loveparade in Duisburg, er sieht die Schuld bei den Organisatoren. © dpa
26.07.2010

Birkenfelder kritisiert Organisation der Loveparade scharf

Die Loveparade in Duisburg am vergangenen Wochenende endete in einem Albtraum, bei dem 19 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden. Ein Albtraum, den Daniel Frens aus Birkenfeld mit drei Freunden miterlebt hat. PZ-Mitarbeiter Moritz Homann hat sich mit ihm über Stunden voller Angst, den Tag danach und die nötigen Konsequenzen unterhalten.

Pforzheimer Zeitung: Herr Frens, stehen Sie noch unter Schock?
Daniel Frens: Jetzt geht es eigentlich wieder. In den vergangenen Tagen habe ich das gar nicht richtig realisiert und war ziemlich neben der Kappe. Nach der ersten Nacht wieder in Pforzheim verstehe ich allmählich, was passiert ist. Aber ich habe immer noch daran zu knabbern.

PZ: Konnten Sie denn ruhig schlafen?
Frens: In der Nacht von Samstag auf Sonntag überhaupt nicht, da habe ich mich total verrückt gemacht. Heute ging es halbwegs.

PZ: Dass Sie sich so verrückt gemacht haben, lag vor allem daran, dass Sie einen Freund auf der Loveparade aus den Augen verloren hatten. Was ist da genau passiert?
Frens: Gegen vier Uhr nachmittags haben wir ihn in der Menschenmasse verloren und wussten nicht, wo er steckt. Dann haben wir das ganze Gelände abgesucht, was bei der Menge aber natürlich keinen Erfolg hatte. Telefonisch konnten wir ihn auch nicht erreichen. Wir haben uns furchtbar Sorgen gemacht. Morgens um sieben erfuhren wir dann zum Glück, dass er wohlauf ist.

PZ: Wieso konnten Sie ihn nicht erreichen?
Frens: Zunächst, weil das Netz in Duisburg komplett zusammengebrochen ist, man konnte niemanden mehr erreichen. Später war dann sein Handyakku leer. Durch die Menschenmenge hat er auch den Parkplatz mit unserem Auto nicht mehr gefunden.

PZ: Haben Sie sich wegen Ihres Freundes an die Polizei oder öffentliche Stellen gewandt?
Frens: Wir wollten vor Ort mit der Polizei sprechen. Da wurden wir ziemlich aggressiv aufgefordert, weiterzugehen und keine Fragen zu stellen. Telefonisch war natürlich auch kein Durchkommen. Die Notfallhotline war die absolute Frechheit. Ich habe 112-mal angerufen, bis ich endlich mal jemanden am Telefon hatte. Die konnten mir überhaupt nichts sagen, haben stattdessen Fragen zu unserem Auto gestellt: Welche Farbe, welcher Hersteller und so weiter, was also rein gar nichts mit unserem vermissten Freund zu tun hatte. Zwanzig Stunden später haben wir dann einen Anruf von der Polizei in Duisburg erhalten, dass unser Freund nicht unter den Opfern sei.

PZ: Wie geht es Ihrem Freund jetzt?
Frens: Er ist wohlauf und unheimlich froh, dass ihm nichts passiert ist. Denn zu dem Zeitpunkt der Massenpanik wollte er eigentlich durch den engen Tunnel gehen. Wir waren davon überzeugt, dass er unter den Opfern ist, weil wir uns genau um 16 Uhr verloren hatten. Wäre er zum Auto zurückgelaufen, wäre er genau um 17 Uhr im Tunnel gewesen.

PZ: Wie haben Sie überhaupt erfahren, dass etwas Schreckliches passiert ist?
Frens: Beim Rauslaufen durch den Tunnel haben wir Menschen mit Wärmedecken auf dem Boden liegen sehen. Dabei haben wir uns noch nicht viel gedacht. Vielleicht waren die zu betrunken oder sind zusammengeklappt, weil es ja doch ziemlich warm war. Die Polizei war ziemlich angespannt, hat „Weiterlaufen, weiterlaufen!“ gebrüllt. Später haben wir dann Leute in der Innenstadt weinend am Boden sitzen gesehen, aber selbst da war uns noch nicht klar, was los ist. Bis uns dann eine junge Frau angesprochen und gefragt hat, ob wir denn wüssten, was passiert sei. Sie hat uns von der Massenpanik und den Toten erzählt.

PZ: Wie haben Eltern und Freunde reagiert, die wussten, dass Sie auf der Loveparade sind?
Frens: Nachdem die Geschehnisse durch die Medien gegangen waren, haben uns unsere Eltern angerufen. Sie waren natürlich erstmal erleichtert, dass es uns gut geht. Aber als sie gehört haben, dass eine Person fehlt, war ihnen auch bange.

PZ: Sehen Sie die Schuld für die Katastrophe bei den Veranstaltern und Organisatoren?
Frens: Ganz klar. In der Schleuse haben wir bereits untereinander und auch mit Fremden über die miserable Organisation gesprochen. Da war uns klar, dass irgendetwas passieren muss. Wir waren relativ früh auf der Loveparade, und schon da hatten Leute Zäune eingerissen, weil es keinen Platz mehr gab. Spätestens da hätte die Polizei realisieren müssen: Wir müssen mehr Wege aufmachen.

PZ: Welche Konsequenzen müssen jetzt folgen?
Frens: Vor allem müssen diejenigen, die das verbockt haben, auch dazu stehen. Was die auf der Pressekonferenz von sich gegeben haben, war eine absolute Schweinerei. Es gab anschließend auch Tumulte vor dem Duisburger Rathaus. Ich finde, da muss wirklich jemand hinter Gitter. Nur aus Profitgeilheit wurden Menschenleben aufs Spiel gesetzt. Und ein Menschenleben ist nicht zu bezahlen.

PZ: „Loveparade“ war immer ein Begriff, der mit feiernden, fröhlichen Menschen verbunden war. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie jetzt Loveparade hören?
Frens: Ich sehe es mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Einerseits erinnere ich mich an die schöne Zeit und die vielen Menschen, die ich kennengelernt habe. Aber das Fest hat seinen Zweck einfach verloren, für mich ist es gestorben. Es ist schrecklich, dass das Fest so enden muss, weil eigentlich ein guter Gedanke dahinter steckt.

PZ: Laut Veranstaltern soll es wegen der Geschehnisse künftig keine Loveparade mehr geben. Ist das die richtige Konsequenz?
Frens: Es ist schade, dass es nicht mehr stattfinden soll, aber es ist auch richtig. Es sind so viele Menschen gestorben, so viele wurden verletzt. Der Grundgedanke der Loveparade ist nach diesem Drama nicht mehr zu vertreten. Man kann wirklich von Glück reden, dass es „nur“ 19 Tote gab. Hätten alle Menschen zeitgleich die Loveparade verlassen, wären es weitaus mehr gewesen.
PZ: Die Stadt hat sich in dieser Situation dafür entschieden, das Fest weiterlaufen zu lassen. War das die richtige Entscheidung?
Frens: Aus Sicherheitsgründen finde ich es richtig. Hätten sie die Menschen alle wieder durch die Schleuse rausgelassen, wäre es zu weiteren Opfern gekommen. Von daher ist es traurig, dass weitergefeiert werden musste, aber um nicht noch mehr Menschen zu gefährden, war es meiner Meinung nach das Richtige.

PZ: Können Sie sich überhaupt noch vorstellen, in Zukunft Massenveranstaltungen zu besuchen?
Frens: In einer Stadt ja. Aber nie wieder auf einem eingezäunten Gelände.