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04.09.2009

Blogger und Twitterer bauen an Säule 5

Die Netzgemeinde ist auf dem Vormarsch. Sie interessiert sich stark für Medien und Politik und kämpft für ihre Interessen – ihre Waffen sind Blogs und Online-Plattformen wie Twitter. Wer nicht dazugehört, kann nur schwer verstehen, was diesen Kreis beschäftigt. Seine Anführer suchen bereits den Dialog.

Alles begann mit einem simplen Telefonat. Stefan Niggemeier, damals 34 Jahre alt, rief vor fünf Jahren seinen Kollegen Peer Schader an, ebenfalls Medienjournalist. Er habe gerade ein Blog registriert, sagte Niggemeier. „Meinst du, das könnte irgendwen interessieren?“, fragte er. „Keine Ahnung, aber ich mach' gerne mit!“, antwortete Schader. Das „BILDblog“ war gegründet. Inzwischen hat es drei feste Mitarbeiter. Und es interessiert heute im Schnitt knapp 40 000 Leser täglich – Zahlen, von denen regionale Online-Nachrichtenportale nur träumen können.

Ursprünglich wurde das „BILDblog“ ins Leben gerufen, um auf Fehler und Unwahrheiten der „Bild“-Zeitung hinzuweisen. Im April dieses Jahres entschieden sich die Macher, ihre Arbeit auf alle deutschen Medien auszuweiten. Dabei sei das Ziel nicht, die gesamte Medienlandschaft kritisch zu begleiten. Vielmehr gehe es darum, systematische Fehler aufzudecken.

Wer überwacht die Wächter?

Drei Säulen kennt unser Staatsmodell: Exekutive, Legislative und Judikative. Gerne wird die Gesamtheit der etablierten Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, Fernseh- und Radiosender als vierte Säule gesehen, die das öffentliche Geschehen kritisch einordnet und bewertet. Damit haben die Medien eine Wächterfunktion inne. Aber: „Wer überwacht die Wächter?“, fragte bereits Juvenal, römischer Satirendichter, etliche Jahrhunderte vor der Erfindung des Internets. Die Antwort heute: Blogger. Twitterer. Die Netzgemeinde. Willkommen auf Säule fünf.

Der rot gefärbte Irokesenschnitt ist sein Markenzeichen. Nicht zuletzt dadurch, gibt Sascha Lobo unumwunden zu, hat er es zu „Deutschlands bekanntestem Blogger“ gebracht. Lobo ist beinahe ständig online, ist angemeldet bei Twitter, XING, Youtube, Flickr,
Facebook und etlichen weiteren Online-Plattformen. „Wir sind auf dem Weg in die digitale Gesellschaft“, sagt Lobo.

Der Nutzerkreis ist klein

Noch sind Macht und Einfluss der Blog- und Twitterszene sehr überschaubar. Laut einer „Focus“-Studie nutzen rund neun Prozent der Deutschen überhaupt Blogs, gerade mal rund zwei Prozent schreiben ein eigenes. Nicht einmal ein Prozent nutzt Twitter. Hinzu kommt, dass etwa 20 Prozent der registrierten Twitterer noch nie etwas geschrieben haben und über 80 Prozent der Nutzer seltener als einmal täglich etwas schreiben. Die Netzgemeinde ist unter sich.

Kein Wunder. Wer kennt schon „Twitter“? Gerade mal drei Jahre ist die Plattform alt, auf der jeder Kurznachrichten veröffentlichen kann, maximal 140 Zeichen lang. Doch seitdem entwickelt sich das Netzwerk rasend schnell, sorgt für Aufregung bei der Bundespräsidentenwahl und bietet den Protestierern in Iran eine Kommunikationsplattform. „Man hat das Gefühl, beim Pulsieren des Netzes live dabei zu sein“, sagt Lobo.

Was aber ist mit all jenen, die noch nie ein Blog besucht haben? Die von „Twitter“ zwar schon einmal irgendwo gehört haben, sich aber gar nicht vorstellen können, was da genau im Netz vor sich geht? Die das nicht begreifen, was für die eingefleischte Netzgemeinde alltäglich ist? Sprich: die große Mehrheit der Deutschen?

Lobo spricht von einem „großen Graubereich“. Doch er glaubt, dass die digitale Vernetzung noch stark weitergehen wird. „Das sieht man schon daran, dass heute 90 Prozent unserer Schüler in sozialen Online-Netzwerken organisiert sind“, sagt er. Es sei nur wichtig, dass man auch den richtigen Umgang mit solchen Netzwerken lerne.

Gemeinsam gegen „Zensursula“

Vor rund zwei Monaten hatte die Netzgemeinde ihre Sternstunde. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen plante ein Gesetz zur Sperrung von Webseiten mit kinderpornografischem Inhalt. Blogger fürchteten die Zensur des Internets und liefen Sturm gegen das Vorhaben. Eine Online-Petition gegen das Gesetz fand 134 000 Unterstützer. „Das ist ein Erfolg der Blogger“, sagt Niggemeier. „Ein herausragendes Beispiel“, findet Lobo. Der Einfluss der Netzgemeinde auf die Politik wachse. „Allerdings ist er noch nicht so groß, wie wir gerne glauben.“ Es brauche langfristigen Dialog zwischen Politikern und der Internet-Community. „Das ist fast eine Art Internet-Lobbyismus“, sagt der Blogger.

Es ist ein kleiner Kreis, der bloggt, twittert oder auch nur liest, was dort geschrieben wird. Überwiegend junge und überdurchschnittlich gebildete Menschen sind es, das zeigen verschiedene Studien immer wieder. Einfluss auf Gesellschaft und Politik ist möglich, hält sich aber noch in Grenzen. „Im Moment lässt sich ein Rumoren erzeugen“, fasst Lobo zusammen.

Niggemeier denkt, dass das BILDblog einen Anteil daran habe, dass es etwa auf „BILD online“ nicht mehr so viel Schleichwerbung gebe. „Ich glaube, dass wir in der Wahrnehmung der Leser etwas verändert haben.“ Lobo sieht das Netz am „Anfang einer neuen publizistischen Macht“. Und trifft es damit auf den Punkt: Es ist ein Anfang. Das Fundament für Säule fünf ist gelegt.