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18.12.2015

Büchse der Pandora? - «Mein Kampf» kommt neu heraus

München (dpa). Es sind nur wenige Klicks bis zum Ziel: Schnell «Mein Kampf» und «Antiquariat» in die Suchmaschine eingegeben, und kurze Zeit später steht es da: «Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band» in Glanzleder gebunden aus dem Jahr 1939 - für schlappe 600 Euro. Immer wieder taucht das Machwerk auf bei Online-Händlern, in Antiquariaten oder auf Flohmärkten.

Verboten war nach 1945 der Nachdruck des Buches, das Hitler in den 1920er Jahren als Häftling in der Festung Landsberg geschrieben hatte. Das bayerische Finanzministerium verhinderte Neuauflagen mithilfe der Urheberrechte, die beim Freistaat Bayern liegen. Das bekam auch der Verleger Peter McGee zu spüren, als der Freistaat dessen historische Zeitschrift «Zeitungszeugen» verbot, weil darin Ausschnitte aus «Mein Kampf» enthalten waren. Im nachfolgenden Rechtsstreit unterlag der Verleger.

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Vom Jahresende an ist nun alles anders. Denn Hitler ist seit 70 Jahren tot, und damit laufen die Urheberrechte an allem, was er jemals zu Papier gebracht hat, aus - auch an «Mein Kampf». Um allen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die auf die Idee kommen, das Buch nun wieder auf den Markt zu bringen, hat das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) drei Jahre lang an einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe gearbeitet, die pünktlich zum Auslaufen der Urheberrechte auf den Markt kommen soll. Am 8. Januar soll das Buch in München präsentiert werden. Das Projekt macht weltweit Schlagzeilen.

«Das Buch ist ja schon lange da. Faktisch konnte man ja immer irgendwie an dieses Buch herankommen», sagt der Leiter des IfZ-Projektes, Christian Hartmann, im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Es ist im Antiquariat zu haben, im Internet. Die englischen Übersetzungsrechte wurden schon 1933 verkauft, es ist in vielen Sprachen vorhanden.» In der «Jüdischen Allgemeinen» habe er gelesen, dass «Mein Kampf» aus dem Giftschrank in der Nationalbibliothek in Berlin ganze zweimal im Jahr angefragt werde - weil jeder, der es lesen will, auf anderen Wegen herankomme. «Jetzt haben wir endlich mal eine kritische Referenzausgabe, die möglicherweise auch international wirkt», sagt er und hofft auf eine Entmystifizierung des NS-Reliktes «Mein Kampf». «Wir sind eine Art Kampfmittelräumdienst, der Relikte aus der Nazi-Zeit unschädlich macht», sagt Hartmann.

Die Originaltexte von Hitler (Beispiel: «Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu finden.») sind in der neuen Edition mit Tausenden wissenschaftlichen Kommentaren versehen. So kommt die Ausgabe mit ihren 27 Kapiteln auf 1950 Seiten. Mit 4000 Exemplaren zu je 59 Euro fängt das Institut an.

«So ein irres Gebräu zu widerlegen, das ist schwierig», sagt Hartmann über die Arbeit an Hitlers Buch. «Das Grundproblem war, dass Hitler von einem ganz anderen Weltbild ausgeht. Wir mussten im Grunde beweisen, dass die Erde nicht flach ist. Hitler ist in seinem Denken so weit von uns entfernt und gleichzeitig so überzeugt davon, dass man in der Widerlegung ganz von vorne anfangen muss.»

Unumstritten ist dieses Projekt allerdings nicht: Im Jahr 2012 hatte die bayerische Staatsregierung angekündigt, die kommentierte Ausgabe mit 500 000 Euro zu fördern - bis Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) es sich nach einem Besuch in Israel völlig überraschend anders überlegte und im Anschluss erklärte, das Projekt nicht mehr finanziell zu unterstützen. Seehofers Begründung: «Ich kann nicht einen NPD-Verbotsantrag stellen in Karlsruhe, und anschließend geben wir sogar noch unser Staatswappen her für die Verbreitung von "Mein Kampf" - das geht schlecht.»

Eine sehr kritische Stimme ist auch die von Charlotte Knobloch, der Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie habe zwar Verständnis für das wissenschaftliche Interesse an einer kommentierten Ausgabe, aber: «Das Buch ist eine Büchse der Pandora, die für immer im Giftschrank der Geschichte verschlossen sein sollte», sagt sie. «Man kann nicht vorhersehen, was dieser Text bewirkt. Manch einer könnte Hitlers Worte wieder ernst nehmen.»

Die Justizminister der deutschen Bundesländer haben inzwischen entschieden, dass die unkommentierte Verbreitung von «Mein Kampf» auch nach dem Auslaufen der Urheberschutzfrist in Deutschland verboten bleiben soll. Ein eigenes Gesetz soll es zwar nicht geben, die geltende Rechtslage aber, etwa der Straftatbestand der Volksverhetzung, reiche aus, um den Nachdruck zu verhindern. Bei kommentierten Ausgaben müsse man sich das im Einzelfall anschauen, hieß es aus dem bayerischen Justizministerium. Im Zweifel müssten dann Gerichte entscheiden.