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In Belgien sitzt der Schock bei den Mitschülern der bei einem Schweizer Tunnelunfall getöteten Kinder noch tief. © dpa
Was hat zu dem Bus-Unglück in der Schweiz geführt? Experten untersuchen das Wrack und versuchen, die Videoüberwachung auszuwerten. Unterdessen suchen Menschen nach Orten der Trauer. © dpa
Experten untersuchen nun das Wrack, um die genaue Unfallursache zu ermitteln. © dpa
Nur noch ein Stück Wrack: Ein Reisebus prallt frontal gegen eine Nothaltestelle. Tragische Bilanz: 28 Tote - darunter viele Kinder. Foto: Laurent Gillieron
14.03.2012

Bus-Chef Eberhardt: Haltebucht falsch konzipiert?

Siders. Nach dem schweren Busunglück im Schweizer Kanton Wallis mit 28 Toten geht die Suche nach der Unglücksursache weiter. Experten wollen das völlig zerstörte Bus-Wrack untersuchen, um nähere Erkenntnisse zum Unfallhergang zu erhalten. Unterdessen bangen die Angehörigen um das Leben der schwer verletzten Schulkinder aus Belgien.

Bildergalerie: Busunglück: Angehörige bangen um Schwerverletzte

Bildergalerie: 28 Menschen, davon 22 Kinder, sterben bei Unfall mit Bus in Schweizer Tunnel

Im Nach Berichten der Nachrichtenagentur Belga wurden inzwischen alle Verletzten identifiziert. Drei Schüler schweben noch in Lebensgefahr. Unter den Verletzten befindet sich auch ein deutscher Jugendlicher.

Das tragische Unglück, das sich am Dienstag gegen 21.15 Uhr in dem knapp 2,5 Kilometer langen Tunnel ereignete, könnte nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft verschiedene Ursachen haben. Es komme ein technischer Defekt infrage. Auch eine plötzlich auftretende Krankheit des Fahrers sei möglich. „Der Reisebus war neu und gut instand gehalten, und der Fahrer war allen Erkenntnissen nach ausgeruht“, sagte Oberstaatsanwalt Olivier Elsig. Die Leiche des Fahrers werde untersucht.

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Was sich exakt am Dienstag gegen 21.15 Uhr in dem knapp 2,5 Kilometer langen Tunnel abspielte, war zunächst unklar. Nach ersten Ermittlungen der Polizei streifte der Reisebus einen Randstein in der Tunnelröhre und wurde gegen eine Nothaltestelle an der Wand geschleudert. „Die Ermittlungen sind derzeit noch am Laufen“, sagte ein Polizeisprecher.

Auch der Internationale Bustouristik-Verband RDA bemüht sich um Aufklärung. Wie immer bei großen Busunfällen wurde auch dieses Mal der Sachverständige aktiv. Dieser geht davon aus, dass der Bus in einer leichten Rechtskurve mit dem rechten Vorderrad den Bordstein berührt haben könnte. Der kleine Fahrfehler wurde schwer bestraft: Denn unmittelbar dahinter befand sich eine Haltebucht. Die durch die Bordstein-Berührung entstehende „Ansaugwirkung“ führte dazu, dass das Rad angehoben und der Bus – ohne die Wand zu berühren, das belegen die fehlenden Kratzspuren – am Ende der Nothalte-Bucht gegen die im rechten Winkel zur Fahrbahn befindliche Wand geschmettert wurde.

Ohne diese Bucht wären die Businsassen womöglich mit dem Schrecken davongekommen, vermutet der Pforzheimer Busunternehmer und RDA-Präsident Richard Eberhardt. In diesem Fall wäre das Fahrzeug vermutlich mit weit weniger schweren Konsequenzen an der Tunnelwand entlang geschrammt. Eberhardt spricht von einer „unglücklichen Verkettung von Umständen“. Dazu trug auch das abrupte Ende der Bucht bei. Eberhardt: „Man muss sich nach dem Unglück die Frage stellen, ob die Wände von Haltebuchten in einem flacheren Winkel abgeschrägt auslaufen müssen.“

Kurz vor dem Busunglück schwärmten die Schüler noch von «Superferien», dann endete ihr Skiurlaub in einer Tragödie: 28 Menschen, darunter 22 Kinder, sind gestorben, als ihr Bus in einem Schweizer Autobahntunnel an den Bordstein schrammte und in eine Wand krachte. Unfallfahrzeug saßen zwei Schulklassen aus Belgien, die am Dienstag auf der Heimfahrt aus der Skiregion Val d'Anniviers waren. 24 Jungen und Mädchen erlitten laut Polizei Verletzungen. Unter ihnen ist auch ein deutscher Jugendlicher. Das Auswärtige Amt in Berlin hat dies am Mittwochabend bestätigt. „Nach bisheriger Kenntnis sind keine weiteren deutschen Staatsangehörigen betroffen“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes der Nachrichtenagentur dpa. Die deutsche Botschaft in Bern stehe mit den Angehörigen in Kontakt. Die Ermittler forschen weiter nach der Ursache. Angehörige und Politiker aus ganz Europa reagierten bestürzt.

Nur rund 30 Minuten lagen zwischen der Abfahrt vom Hotel «Du Cervin» im Ferienort Saint-Luc im Kanton Wallis und dem Unglück gegen 21.15 Uhr im A9-Tunnel bei Siders. Dort starben außer den 22 Kindern auch ihre zwei Busfahrer und vier erwachsene Betreuer.

Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft könnte es verschiedene Ursachen für das Tunnel-Drama geben. Es komme ein technischer Defekt infrage. Auch eine plötzlich auftretende Krankheit des Fahrers sei möglich. «Der Reisebus war neu und gut instand gehalten, und der Fahrer war allen Erkenntnissen nach ausgeruht», sagte Oberstaatsanwalt Olivier Elsig am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Sitten. Die Leiche des Fahrers werde untersucht.

Ersten Ermittlungen zufolge streifte der Bus den Bordstein in dem knapp 2,5 Kilometer langen Tunnel. Dann wurde er gegen die Wand einer Nothaltestelle geschleudert. «Es gibt keinen Erwachsenen an Bord des Busses, der den Unfall überlebt hätte, den wir jetzt als Zeugen befragen könnten», sagte Kantons-Polizeichef Christian Varone, der von einer «apokalyptischen Tragödie» sprach. Gegenverkehr gibt es in der Röhre nicht.

Unter den 24 Überlebenden ist mindestens ein deutscher Jugendlicher, sagte Varone. Von den Verletzten seien 22 identifiziert, davon 17 Belgier, 3 Niederländer, ein Pole und der Deutsche. Die Mädchen und Jungen waren nach Behördenangaben zumeist zwischen zehn und zwölf Jahre alt.

An der Unfallstelle bot sich ein Bild des Schreckens: Der vordere Teil des gelb-roten Reisebusses wurde bei dem Aufprall zerfetzt. Auf der Fahrbahn lagen Kleider und Gepäckstücke der Kinder.

Zwar waren die Businsassen nach Angaben von Oberstaatsanwalt Olivier Elsig wohl angeschnallt. Sie seien aber vermutlich losgerissen worden beim Aufprall. «Der Zusammenprall war so gewaltig, dass es die Sitze aus der Verankerung gerissen hat. Aber angeschnallt oder nicht, das hätte jetzt nicht viel geändert für die Kinder, die bei dem Unfall ums Leben gekommen sind», vermutete Elsig.

Viele der Verletzten wurden mit Hubschraubern und Rettungsfahrzeugen in Krankenhäuser gebracht. Sanitäter, Polizei und Feuerwehrleute waren stundenlang im Einsatz. Die Horrorbilder der Nacht trieben manchen Helfern Tränen in die Augen. Das völlig zerstörte Buswrack wurde am Mittwoch abtransportiert und soll genau untersucht werden.

Trauer und Fassungslosigkeit herrschten in der belgischen Heimat vieler der Passagiere: Vor den Schulen in Heverlee in der Nähe von Brüssel und in Lommel an der niederländischen Grenze spielten sich am Morgen ergreifende Szenen ab. Mitschüler und Angehörige lagen sich weinend in den Armen. Noch am Montag hatten sich die Schüler aus Lommel per Online-Reisetagebuch aus ihren «Superferien» gemeldet. «Jawohl, liebe Daheimgebliebene, wir sind schon fast am Ende. Morgen ist schon der letzte Tag ...»

Mit einem Airbus flogen 116 Angehörige in die Schweiz. Während einige schon am Morgen einen erlösenden Anruf von ihrem Kind bekommen hatten, war für andere zunächst unklar, ob ihr Kind eines der schwersten Busunglücke in der Schweizer Geschichte überlebt hatte. Belgiens Premier Di Rupo kündigte einen nationalen Tag der Trauer an. Nach belgischen Angaben gehörten zwei weitere Busse zu dem Konvoi. Diese seien aber nicht in den Unfall verwickelt gewesen und hätten ihre Fahrt fortgesetzt.

Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte am Mittwochabend, dass sich unter den Verletzten des Busunglücks in der Schweiz auch ein deutscher Jugendlicher befindet. Mehr Angaben zum Opfer gab es nicht. «Nach bisheriger Kenntnis sind keine weiteren deutschen Staatsangehörigen betroffen», sagte eine Sprecherin der Nachrichtenagentur dpa. Die deutsche Botschaft in Bern stehe mit den Angehörigen in Kontakt.

Zahlreiche europäische Politiker sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP). Merkel schrieb am Mittwoch an den belgischen Ministerpräsidenten: «Ich möchte Ihnen und Ihren Landsleuten in dieser schweren Stunde die Anteilnahme der Menschen in Deutschland und mein ganz persönliches Mitgefühl ausdrücken.»

Für jedes Opfer des Busunfalls sollen mindestens 220.000 Euro an Entschädigung fällig werden. Das berichtete die belgische Nachrichtenagentur Belga. Die Kosten übernehme der Versicherer des in den Unfall verwickelten Busunternehmens, die Gesellschaft AG Insurance. Ob die Summe nur im Todesfall gezahlt werden soll, blieb zunächst unklar. dpa

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