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CSD: Braucht Deutschland noch Homosexuellen-Demos?
CSD: Braucht Deutschland noch Homosexuellen-Demos? © dpa
21.06.2012

CSD: Braucht Deutschland noch Homosexuellen-Demos?

Berlin (dpa) - Die machen ja nur Party, was soll das überhaupt noch? In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren soviel gesellschaftliche Akzeptanz für Lesben, Schwule, Bi- oder Transsexuelle entwickelt, dass es der alljährlichen Paraden zum Christopher Street Day (CSD) eigentlich nicht mehr bedarf, lautet ein Standpunkt.

Umfrage

Braucht Deutschland noch Homosexuellen-Demos?

Ja 31%
Nein 67%
Weiß nicht 2%
Stimmen gesamt 492

Andere meinen, sie sind nach wie vor ein wichtiges Mittel, um auf Missstände hinzuweisen und Toleranz zu schaffen. Über die Frage, ob man die Paraden, die an einen Aufstand der Homo-Szene gegen Polizeirazzien im Jahr 1969 in der Christopher Street in New York erinnern, nicht besser abschaffen sollte, kann man vortrefflich streiten. Ein Pro und Contra (ohne religiös-fundamentalistische Gründe):

 

PRO Abschaffung: - Die Paraden und Partys bedienen das Klischee vom Homosexuellen als schrillem Paradiesvogel statt als respektablem Mitbürger. Eher negativ für die Akzeptanz. - Die CSD-Umzüge sind zu einem kommerziellen Karneval und einer oberflächlichen Flirt- oder gar Sex-Veranstaltung verkommen. - Schwule und Lesben tragen auf Paraden ihre sexuelle Orientierung wie ein Banner vor sich her und inszenieren sich als Opfer, das sie nicht mehr sind. - Der Abbau von Vorurteilen funktioniert am besten behutsam und über direkten Kontakt und wohl kaum über solche Massenveranstaltungen. - In dieser Gesellschaft kann jeder machen was er mag, weshalb Homosexuelle nicht mehr öffentlich ihr Privates so zur Schau stellen müssten. - Die Veranstaltungen verströmen etwas Erzieherisches, als müsste die Mehrheit unbedingt mit den Vorlieben einer Minderheit behelligt werden. - Der Ansatzpunkt, sich derart über die Sexualität, also etwas Angeborenes, zu definieren, ist überflüssig geworden - es gibt ja auch keine Rothaarigen-Demos in diesem Land. - Dank Internet haben Homosexuelle seit spätestens zehn Jahren (Gayromeo u.a.) fast mehr Dating-Infrastruktur als Heteros - sie brauchen keine öffentlichen Rückversicherungen mehr für ihre Identität. - Die CSD-Partys behaupten eine schwullesbische Solidargemeinschaft, die es gar nicht gibt. Tiefe Risse und politische Meinungsverschiedenheiten in der angeblichen Community werden verdeckt. - Die Paraden sind doch bloß eine einfache Möglichkeit für den Mainstream, der sich weltoffen zeigen will, aber eigentlich desinteressiert ist, um einmal im Jahr tolerant zu tun.

 

CONTRA Abschaffung: - Da in Deutschland noch immer nicht die Ehe komplett geöffnet ist oder bei der Adoption gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare gelten, muss es weiter Protest geben. - Als Zeichen für eine vielfältige offene Gesellschaft sind die bunten Demos unverzichtbar. Als eine Art Test der Toleranzfähigkeit. - Wenigstens einmal im Jahr wird die Fülle von Lebensentwürfen sichtbar - die Demos sind Demokratie-Anschauung und eine Art Schule für Pluralismus und Respekt. - Noch immer fühlen sich Homos oft latent bedroht, und sei es nur bei einem öffentlichen Kuss. Dagegen bedarf es starker Statements auf der Straße. - Die Paraden sind eine Möglichkeit auch für Heterosexuelle, sich solidarisch und queer (amerikanischer Sammelbegriff für Stolz auf Abweichung) zu zeigen. - Gerade die deutsche Geschichte ist voller Homosexuellenverfolgung (Stichwort Strafrechtsparagraf 175; erst 1994 komplett gestrichen), weshalb die Paraden auch als Mahnung fungieren. - Auch wenn Deutschland vergleichsweise tolerant ist - die Paraden sind eine Art Signal in andere Länder wie Russland oder Iran. - Die Paraden und Partys bringen den Städten Tourismus und Geld und bieten der Wirtschaft eine gute Werbemöglichkeit. - Die sommerlichen Veranstaltungen sind ein Aushängeschild für ein offenes lässiges Deutschland. - Christopher Street Days sind als eine Art Kontaktbörse für engagierte Homo-Gruppen, aber auch Einzelne unverzichtbar. Reale Begegnungen sind immer noch besser als das Internet.

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