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Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont während eines Interviews kurz vor dem Referendum. Foto: Emilio Morenat
Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont während eines Interviews kurz vor dem Referendum. Foto: Emilio Morenatti
10.10.2017

Carles Puigdemont: Vom Nobody zum Schrecken Spaniens

Barcelona (dpa) - Als Kind wollte Carles Puigdemont Astronaut werden und zum Mond fliegen. Seinen Berufswunsch hat er sich nicht erfüllen können.Dafür ist der Chef der Regierung der spanischen Region Katalonien kometenhaft vom politischen Nobody zum Schrecken eines ganzen Landes aufgestiegen. Der 54 Jahre alte überzeugte Separatist will Katalonien von Spanien unabhängig machen. Und zwar gegen den Willen der Zentralregierung in Madrid. Er beruft sich dabei auf den Sieg des «Ja»-Lagers beim umstrittenen Referendum vom 1. Oktober, das zuvor vom Verfassungsgericht untersagt worden war.

Nach seiner Wahl zum katalanischen Regierungschef hatte der bis dahin sogar in Katalonien nahezu unbekannte Ex-Journalist im Januar 2016 im Parlament von Barcelona vollmundig verkündet: «Es sind keine Zeiten für Feiglinge!» Man werde den Weg zur Unabhängigkeit unbeirrt aufnehmen, versprach damals der liberale Führer der separatistischen Allianz Junts pel Sí (Gemeinsam fürs Ja), der auch mit der Unterstützung der kleinen linksradikalen Partei CUP gewählt wurde. Und er hielt Wort. Gut eineinhalb Jahre später rief er die Abstimmung aus. Und nun will er konsequent weitermachen.

Der am 29. Dezember 1962 im katalanischen Bergdörfchen Amer geborene Sohn eines Konditormeisters studierte zunächst Philologie und wurde danach Journalist. 1983 überlebte er einen schweren Verkehrsunfall. Die Kopfnarben, die er davontrug, versucht er mit einer in Spanien vielkommentierten Frisur zu verdecken. In den 1990er Jahren reiste Puigdemont oft nach Südosteuropa, um unter anderem am Beispiel des damaligen Jugoslawiens «Nationen ohne Staat» zu studieren. Er arbeitete für mehrere Regionalzeitungen und war 1998 Mitgründer der Katalanischen Nachrichten-Agentur. 2004 übernahm er die Leitung des englischsprachigen Blattes «Catalonia Today» und erst zwei Jahre später trat er in die Politik ein.

Dann ging es allerdings Schlag auf Schlag: 2011 wurde er zum ersten nicht sozialistischen Bürgermeister der katalanischen Stadt Girona nach der Diktatur von Francisco Franco (1939-1975) gewählt. 2015 avancierte er zum Vorsitzenden des einflussreichen «Verbandes der Gemeinden für die Unabhängigkeit Kataloniens» (MAI), dem rund 750 der insgesamt 948 Bürgermeister der Region angehören. Und im Januar 2016 zum Chef der katalanischen Regionalregierung.

Dem eingefleischten Rock- und Fußball-Fan und Vater zweier kleiner Mädchen, der mit einer 15 Jahre jüngeren rumänischen Journalistin verheiratet ist und neben Spanisch und Katalanisch auch Englisch und Französisch gut spricht, werfen nun viele vor, Katalonien an den Rand des Abgrunds zu treiben. Nachgeben kommt für ihn aber nicht in Frage. «Ob es gefällt oder nicht: Was in Katalonien zur Zeit passiert, ist eine Tatsache. Millionen von Menschen haben für die Unabhängigkeit gestimmt!», sagte er dieser Tage resolut.