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11.04.2008

„Das bläst dir ja die Scheiben raus“

Bochum, das ist die Stadt mit einem der graumäusigsten Fußballvereine der Welt, die Stadt, die einst Herbert Grönemeyer besang und als „Blume im Revier“ adelte, und die Stadt, in der eines der größten Autotuning-Kaufhäuser Deutschlands steht. Bei D & W gibt es alles, was das Herz eines jeden Auto-Aufpäpplers begehrt, flankiert von kaum oder gar nicht bekleideteten weiblichen Models. PZ-Mitarbeiter Sebastian Weßling, Fahrer einer ungetunten Mercedes-A-Klasse, hat das Bochumer D & W-Center besucht.

Schon am Eingang wird klar, dass es hier nicht nur um tiefergelegte Autos geht, sondern ebenso um tiefergelegte Ausschnitte. Über dem Eingang zum D&W-Center Bochum grüßt von einem Plakat eine überlebensgroße Brünette, eingezwängt in einen lilafarbenen Anzug, dessen Ausschnitt am Bauchnabel endet und der mühsam das Nötigste verhüllt. Im Hintergrund lassen sich ein paar Autos und Autozubehörteile erkennen. Einmal drinnen, läuft der Kunde auf eine Wand von Autorädern zu, über denen in den Farben Rosa, Rot, Blau, Grün und Gelb „fette Rabatte“ versprochen werden.

Willkommen in der Welt des Autotuning, willkommen in der Welt von D&W, einem der größten und bekanntesten Autozubehör-Lieferanten Deutschlands. In Bochum, direkt an der vielbefahrenen A40, steht das D&W-Megacenter, die größte Filiale des Unternehmens.

Auf 30 000 Quadratmetern Verkaufsfläche gibt es hier über 60 000 Marken und Produkte, mit denen ein Auto aufgemotzt werden kann – seien es Felgen, Fahrwerke oder Fensterfolie. Die unterschiedlichsten Leute kommen hierher. Patrick beispielsweise ist auf der Durchreise aus den Niederlanden nach Kassel und hat den Laden von der Autobahn aus gesehen. Er hat sich erst kürzlich einen Golf III gekauft und sucht nun nach Tuning-Ideen. „Ich will ihn tieferlegen, das Standardprogramm halt“, sagt er. „Licht, Sound, Flachbildschirm.“ Nun schaut er sich aber erstmal eine Auswahl von Felgen an, die auf dem Anhänger eines Kentworth-Lkw arrangiert sind. Davor ragt ein gigantisches „Fahrgestell“ aus Pappe in die Decke hinein, eines allerdings mit Stöckelschuhen und Minirock.

Ein wenig weiter hinten sieht sich ein Ehepaar in Lederjacken und mit Cowboy-Hüten um. Während sie den Nachbau eines US-Polizeiautos bewundert, studiert er Leistungsdaten der daneben aufgebauten Lautsprecher. „Boah, das bläst dir ja die Scheiben raus!“, ruft er. Klingt so, als halte er dies für erstrebenswert. Genau wie dieses Ehepaar stellt man sich die typischen Kunden eines Tuning-Shops vor: Lederklamotten, breitkrempiger Hut, ein wenig zu laut und prollig. Doch hier sind sie klar in der Unterzahl, die Kundschaft sieht eigentlich nicht anders aus als in jedem normalen Kaufhaus. „Unser typischer Kunde ist zwischen 18 und 28 Jahren“, sagt dazu Detlef Sens, Bereichsleiter Zubehör. „Die meisten fahren den Astra F und G, Golf II bis IV, Polo oder Corsa.“

Wenn man so will, bietet D&W Tuning für den kleinen Geldbeutel – zu klein darf dieser aber auch nicht sein: Wer sich beispielsweise ein kleines Airbag-Sportlenkrad in sein Auto einbauen will, zahlt für eine einfache Variante 578 Euro, hinzu kommt ein Adapter für 75 bis 150 Euro. Das wollen immer weniger Menschen ausgeben, hat Sens festgestellt: „Vor sechs bis sieben Jahren hatte unsere Zielgruppe noch kaum PCs oder Handys, für die sie jetzt auch Geld ausgeben“, sagt er. Außerdem leidet man am Autoteilehandel beim Internet-Auktions-
haus „Ebay“ und gefälschten Teilen aus China.

Deswegen soll dem Besucher in Bochum einiges geboten werden: Ein Darkroom beispielsweise, in dem er direkt sehen kann, wie die unterschiedlichen Leuchten wirken, oder ein Multimediaraum, in dem er die unterschiedlichsten Bildschirm-Radio-Systeme in Funktion erleben kann. „Wir wollen dem Kunden emotionale Dinge bieten, die ihn anmachen.“ Dazu gehört auch die Brünette vom Eingang, ebenso wie eine ganze Reihe weiterer Bilder von leicht oder gar nicht bekleideten Damen, die an verschiedenen Stellen im Laden platziert sind und auch im fast legendären Katalog breiten Raum einnehmen. „Das war von Anfang an das Konzept, Mädels mit Produkten“, erklärt Sens. „Unsere Teile haben eine gewisse Emotionalität, dass sind keine Verschleißteile.“ Und die Emotionalität soll eben auch über nackte Haut erzeugt werden. Das freilich gelingt nicht bei jedem: Ein älterer Herr in akkuratem Zweireiher betritt den Laden, läuft einmal die Gänge zwischen Autositzen Rädern, Sound- und Lichtsystemen und einigem anderen ab und steuert dann schnell wieder den Ausgang an. „Das spricht eher einen jugendlichen Bereich an“, sagt er. „Ich fahre ein eher ausgereiftes Fahrzeug, einen Mercedes SLK, da passt das nicht so rein.“ Sens würde ihm da widersprechen, schließlich habe man für jedes gängige Fahrzeug Teile, alleine 2,2 Millionen Rad/Reifen-Kombinationen.

Doch auch er weiß, dass die ganz große Zeit von D&W vorbei ist. In guten Zeiten sorgte schon die Ankündigung, einen weißen Lamborghini zu zeigen, dafür, dass Menschen aus den Niederlanden, Belgien und sogar der Schweiz anreisten. Zur jährlichen D&W-Show kamen 50 000 Menschen in das Bochumer Center. In diesem Jahr findet die Show erstmals seit 20 Jahren nicht statt.

Der Weg zum Ausgang führt durch einen Bereich mit Kleinteilen. Alles mögliche Zubehör, das man an einem Rückspiegel befestigen kann, findet sich hier. „Unheimlich günstig“ lockt in großen Lettern ein Schild mit einer weiteren barbusigen Brünetten. Darunter liegen Raumlufterfrischer – ironischerweise in Trikotform.