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Fingerspitzengefühl gefragt: Tätowierer Michael Gerondt arbeitet an einem noch unvollendeten Kunstwerk auf der Haut. © Lena Dobaj
Nils und Melanie Weiß, Inhaber des Modhouse Pforzheim. © Lena Dobaj
26.11.2014

Das geht unter die Haut: Tattoos und Piercings beliebter denn je

Tätowierungen und Piercings sind längst ein Massenphänomen. Laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum hat mehr als jeder fünfte junge Erwachsene in Deutschland ein Tattoo . Tendenz steigend. „Es ist einfach normal geworden“, sagt Nils Weiß.

Er muss es wissen: Als Inhaber von Modhouse, einem großen Tattoo-, Piercing- und Bodymodification-Studio in Pforzheim hat er tagtäglich mit Körperschmuck in allen Formen und Varianten zu tun.

Bildergalerie: Modhosue: Tattoos - kunstvoller Hautschmuck für alle

Wie kann man sich den regelrechten Tattoo-Hype erklären? Bilder, die unter die Haut gehen, gibt es seit Tausenden von Jahren. Doch erst in den Achtzigern lösten sich die Grenzen der Milieus auf und die Körperkunst wurde zum Massenphänomen. Die Musik- und Fernsehkultur hat einen entscheidenden Teil dazu beigetragen, dass die Studios wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. „Es wird der jungen Generation einfach vorgelebt“, sagt Melanie Weiß, Mitinhaberin von Modhouse. Man denke nur an die vielen Stars wie Angelina Jolie oder David Beckham.

„Die Menschen werden mutiger und trauen sich mehr“, sagt Nils Weiß. Im Durchschnitt werden Erstlingstattoos größer und gerne auch an sichtbaren Körperstellen gestochen. So kaschierte der Tattoo-Neuling der Neunziger seine Kunstwerke durch Kleidung, während er heute seinen Körperschmuck stolz an Unterarmen, Händen oder am Hals präsentiert.

Wer der Faszination der Körperkunst einmal erlag, kommt selten wieder davon los. Bei den meisten Kunden bleibt es nicht bei einem Besuch. „Die meisten haben ein Auto auf der Haut“, sagt Melanie Weiß in Bezug auf die nicht ganz billige Leidenschaft. Ihr Mann fügt schmunzelnd hinzu: „Bei mir wäre es schon ein Mittelklassewagen“.

Der Körper wird also immer mehr zur Leinwand. Dass verstärkt auch Stilmittel aus der Malerei den Weg auf die Haut finden, lässt sich bei der sogenannten „Art Brut“ beobachten. Diese Stilrichtung hat die abstrakte Kunst auf den Körper gebracht. Eine ebenfalls sehr aufwendige Tätowierart ist die realistisch-plastische Kunst, die im Volksmund häufig als 3D-Tätowierung bezeichnet wird. „Im Prinzip ist alles machbar“, sagt Weiß, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Bei einer Sache zieht er allerdings die Notbremse: „Wir tätowieren keine Partnernamen“, erklärt er, denn Tattoos halten ewig, Beziehungen in der Regel nicht mehr.

Und welche Motive sind besonders beliebt? „Sternchen, Vögel, Pusteblumen und das Unendlichkeitszeichen liegen gerade im Trend“, bemerkt der Experte. Hoch im Kurs ist auch das Lettering, also Schriftzüge, die beliebig verziert werden können.

Von seinen Kunden wünscht er sich mehr Kompetenz und einen bewussteren Konsum. Manchmal habe man das Gefühl, dass der Kunde nicht genug Zeit in die Recherche über das passende Motiv investiert hat. „So wird das, was wir lieben, ein Stück weit abgewertet“, sagt der 40-Jährige, der mit 18 Jahren sein erstes Tattoo hatte und das Piercen in seiner Freizeit, während er noch als examinierte Pflegefachkraft arbeitete, gelernt hat.

Laut einer Studie der Universität Leipzig tätowieren Männer mehr, während sich Frauen eher piercen lassen. Besonders beliebt sind Triples, eine Dreierkombination von Knorpelpiercings oder das Septum-Piercing in der Nasenscheidewand. Der große Vorteil bei Letzterem: Es ist absolut bürokompatibel; man kann es bei der Arbeit ohne sichtbare Spuren herausnehmen. Großer Beliebtheit erfreuen sich auch, sowohl bei Männern als auch Frauen, die Flesh Tunnels, zu Deutsch Fleischtunnel, also gedehnte Piercing-Löcher, die meist im Ohrläppchen getragen werden.

Auch in Bezug auf die Körperstellen lassen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen: So sind bei Männern die Arme besonders beliebt für Tätowierungen und bei Frauen die Steißbeinregion und die Beine. Auf die Frage, ob es eigentlich auch die ein oder andere Abweichung bei den Tätowierern gibt, antwortet Melanie Weiß: „Die Mädels tätowieren etwas kitschiger und verspielter und zeigen mehr Mut zur Farbe“.

Und was ist das A und O bei der Kunst? „Als Tätowierer muss man außerordentlich talentiert sein“, erklärt Nils Weiß, der diese komplexe und umfangreiche Aufgabe seinen Kollegen überlässt. Nils und Melanie Weiß beschäftigen in Ihrem Studio, das sie seit 2008 leiten, insgesamt sieben Mitarbeiter und begrüßen regelmäßig Gasttätowierer aus der ganzen Welt. So bringt beispielsweise der US-Amerikaner Jason Adkins mehrmals im Jahr Tattoo-Kunst aus Ohio in die Goldstadt.

Neben Piercings und Tattoos werden im Modhouse auch Permanent-Make-up, Schmuckimplantate und ein Körperschmuck, der im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht, angeboten: Ein im Vergleich zu Tattoos und Piercings neuere Variante der Körperverzierung fällt unter den Begriff Scarification, dem Anbringen von Ziernarben auf der Haut. Hierbei unterscheidet man zwischen dem sogenannten „Cutting“, bei dem das Narbendesign mithilfe eines Skalpells entsteht und dem „Branding“, bei dem ein Motiv mit einem in der Chirurgie beheimateten Hochfrequenzkauter in die Haut gebrannt wird. Als neuen Trend würde Nils Weiß die Schmucknarben allerdings nicht bezeichnen. „Die Schmerzen sind für den Mainstream-Kunden schlicht zu groß“.

„Dabei sollten Tattoos eigentlich keinem Trend unterworfen sein. Trends gehen, Tattoos bleiben“, sagt Weiß.

 

Wie wird ein Tattoo gestochen?

Die Grundlage für das Tattoo ist ein Foto oder eine Zeichnung, von dem sich der Tätowierer eine Kopie macht. Mithilfe eines sogenannten Stencils wird ein Abdruck des Motivs erstellt. Nun kann der eigentliche Tätowiervorgang mit der Tätowiermaschine beginnen.

Die Rotary-Maschine basiert auf einem Elektromotor, der eine Welle antreibt. Diese setzt die Nadeln in Bewegung. Die Nadel sticht in die zweite Hautschicht, die Dermis (lateinisch Corium) ein. Der Tätowierer setzt mit der Maschine gleichmäßig bis zu 3000 Stiche pro Minute in die Haut.

Zuerst werden mit drei bis neun Nadeln die Umrisse des Tattoos gestochen. Dann werden mit einem Nadelblock von fünf bis 23 Nadeln die farbigen Flächen gefüllt. Die Farbe läuft an der Nadel entlang in die Gewebszellen. Während der vier- bis sechswöchigen Heilungsphase wird überschüssige Farbe wieder ausgestoßen und die verbleibenden Pigmente werden in die Gewebezellen eingekapselt.