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Jay Alexander liebt und besingt seine Heimat.
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03.03.2008

Das höchste der Gefühle

Seine Kindheit hat er in Neulingen-Bauschlott verbracht. Jetzt lebt er in Eisingen. Jay Alexander liebt seine Heimat, und so erscheint es nur folgerichtig, dass der Tenor eine CD mit Heimatliedern eingesungen hat. Für PZ-news beschreibt er, was Heimat für ihn bedeutet.

von Jay Alexander

Heimat – mein liebstes Wort.

Es meint unsere Beziehung zu einem bestimmten Ort, einer Landschaft, einem Platz, mit dem wir verwurzelt sind und mit dem wir uns identifizieren. Ein deutsches Wort, in seiner Bedeutung in andere Sprachen nur schwer übersetzbar. Die Definition und das Empfinden von Heimat sind individuell und sehr vielfältig. Sie kann ein Dorfplatz sein, eine Waldlichtung, eine Bergkette, ein Stadtteil, eine Aussicht, die Morgenmesse, ein Hinterhof, die Muttersprache, ein Inselstrand. Für viele ist es der Landstrich, der Ort, in den sie hineingeboren wurden und der sie prägte.

Während der Recherchen zu meinem Album fiel mir auf, dass es so viele „Heimatorte“ im Leben geben kann: Vereine, Schulen, Institutionen, auch Menschen können Heimat bedeuten, Heimat sein.

Meine Heimat im weiteren Sinn ist der Enzkreis um Pforzheim, wobei auch die Regionen um Bretten, Karlsruhe, Stuttgart und sogar Baden-Baden Heimatgefühle in mir wecken. Hier wird mein Dialekt gesprochen. Meine ganz persönliche, kleine Heimat habe ich in meinem Heimatdorf Bauschlott. Hier erlebte ich meine Kindheit, meine Jugendzeit und das Erwachsenwerden.

Ich habe das große Glück, in eine wunderbare Familie hineingeboren zu sein. Die ersten Freundschaften im Kindergarten, der Grundschulbesuch bei unserem Lehrer Herrn August oder der regelmäßige Musikunterricht beim Musikverein sind Stationen, an die ich mich intensiv und bildhaft erinnere. In jeder freien Minute saß ich auf dem Rad und bin durch „mein“ Dorf gefahren. Habe mit Freunden Steinschleudern gebastelt und in der Ochsengasse (eine von Bäumen überwachsene Hohlgasse) Verstecke gebaut.

Mit meiner Schwester Christina und Dax, unserem Dackel, machten wir Picknick in der Hügellandschaft „Klinge“. Mein Fahrrad musste selbstverständlich mit, und auf dem Kopf trug ich meine unvergessene grüne Pudelmütze (die hab' ich immer noch). Die Hose war schmutzig und der Dreck unter den Fingernägeln hielt bis zum großen Samstagabend-Bad hartnäckig stand. Am Fricksee haben wir jedes Jahr mit Begeisterung Kaulquappen gefangen (die das Einmachglas überlebten, aber leider meistens im Gartenteich eingingen).

Sommerferien sind für die meisten das höchste der Gefühle. Für mich begann der Urlaub erst dann, wenn wir nach der Rückkehr aus dem fernen Österreich das gelbe Ortsschild „Bauschlott“ wieder passiert hatten. Ich saß im Auto und murmelte: „Endlich daheim.“ Aufs Rad steigen und in den Ort fahren war meine erste Handlung. Ich musste schauen, ob noch alles so ist, wie es war.

Ich kann mir für mich keine unbeschwertere und glücklichere Kindheit vorstellen. Der Dorfanger mit den vielen wunderbaren Fachwerkbauten, die Autoreparaturwerkstatt, in der ich mir mein erstes eigenes Geld verdient habe, der alte Kenne-Karle, der an seiner Backhaustür lehnte und für alle einen Spruch auf Lager hatte, mein Vater, wie er in Polizeiuniform nach Hause ging, Frau Schumms Edeka-Laden, wo wir Kinder an der Kasse immer „Pfenning-Guzele“ bekamen, das Glockenläuten unserer eindrucksvollen Weinbrenner-Kirche, der Duft nach frisch gebackenem Brot, die typische Landluft – zur Heimat gehören Erinnerungen, an die ich mit süßer Wehmut denke. Sie sind ein Teil von mir.

Genau wie die Volkslieder auf meinem ersten Solo-Album „Heimat“. Es sind die ersten Lieder, die ich von meinen Eltern und vor allem von meiner Oma Lydia, der Mutter meiner Mutter, lernen durfte. Meine Schwester hat (noch heute) das schöne Volksliederbuch „Mein Heimatland“, aus dem sie als Klavierschülerin regelmäßig spielte. Mein Vater sang den Bass dazu und meine Mutter setzte mit ihrem hellen Sopran ein. Sozusagen nebenbei, ich war ja noch ein kleiner Junge, nahm ich die Musik in mir auf.

Als meine Oma viel später im Pflegeheim wohnte, ich hatte längst Gesangsunterricht, fingen wir beide an, Volkslieder zu singen. Viele Melodien waren wie auf Abruf wieder da. Zeitzeugen aus meiner Kindheit, die nur darauf warteten, hervorgeholt zu werden. Neue Lieder kamen dazu. Das Volks- und Heimatliederwissen meiner Oma war unerschöpflich, so kam es mir vor. Jede Strophe konnte sie auswendig. Nicht ein einziges Mal musste sie passen. Das war unser gemeinsames Vergnügen.

Aber auch das ist Heimat: Immer wieder vertrauten Gesichtern zu begegnen. Hilfe zu erfahren, wenn man sie braucht. Hier bin ich verwurzelt. Und wie schön, nicht nur in der Erinnerung, sondern auch im Heute hier leben zu dürfen. In meiner Heimat, ganz in der Nähe meines Heimatdorfs.

Heimat – mein liebstes Wort. Ein anderer Titel für dieses Album? Undenkbar.