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23.06.2008

„Das sind sprechende Luftblasen“

Er ist der Rächer der Genervten: So respektlos wie kein anderer nimmt Oliver Kalkofe in seiner Satireshow „Kalkofes Mattscheibe“ das deutsche Fernsehen aufs Korn. Nach drei Jahren kreativer Pause kehrt der 42-Jährige nun zurück – in den neuen Folgen seiner Show rechnet er mit den schlimmsten und peinlichsten TV-Ärgernissen der vergangenen Zeit ab. PZ-Mitarbeiterin Cornelia Wystrichowski sprach mit Kalkofe über die schlimmsten Sendungen und seine eigene Glaubwürdigkeit.

Pforzheimer Zeitung: Herr Kalkofe, drei Jahre lang gab es keine neuen Folgen Ihrer Satiresendung „Kalkofes Mattscheibe“ – ist das Fernsehprogramm so gut geworden, dass Sie nicht genug Material hatten?
Oliver Kalkofe: Keineswegs, es ist sogar unfassbar, wie viel neuer Wahnsinn sich angesammelt hat. Es wird in den neuen Folgen unter anderem ein Wiedersehen mit Perlen der populären Fernsehunterhaltung wie „Bruce“, „Gülcans Traumhochzeit“ und „Entern oder kentern“ geben, ich nehme mir aber auch Spartensender oder kleinere Kanäle vor.

PZ: Vergeht Ihnen bisweilen bei manchen besonders grässlichen Sendungen nicht vor lauter Zorn das Spotten?
Kalkofe: Stimmt, manchmal rege ich mich sehr auf. Bei dem furchtbaren
Lügendetektorformat „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ auf RTL 2 geht es zum Beispiel nur darum, die Kandidaten emotional vor ihren Freunden und Verwandten, die daneben sitzen, zu vernichten. Oder „Schwiegertochter gesucht“ auf RTL, wo man Kandidaten, die knapp am betreuten Wohnen vorbeischrammen, boshaft vorführt und dann auch noch so tut, als wollte man denen helfen – da vergeht mir der Spaß. Oder wenn in Astrosendungen arme, verzweifelte Menschen, die echte Tragödien erlebt haben, mit dummen Pseudo-Phrasen vollgelabert und abgezockt werden. Manches konnte ich für meine Sendung gar nicht verwenden, weil es einfach zu bitter ist.

PZ: Und wer war in den vergangenen Monaten die schlimmste TV-Nervensäge? Bruce oder Dieter Bohlen?
Kalkofe: Die großen Namen wie Dieter Bohlen, Thomas Gottschalk oder
Heidi Klum, die immer als Nervensägen genannt werden, sind doch in
Wirklichkeit gar nicht so schlimm. Da erlaubt sich das Fernsehen wenigstens noch Persönlichkeiten, die wissentlich polarisieren. Ich finde die austauschbaren Nervensägen viel übler, die in den kleinen Quizformaten vor irgendwelchen Flipcharts stehen und Leute um Kopf und Kragen labern. Oder solche Gestalten, die zwar einen Namen haben, den aber eigentlich keiner wissen will.

PZ: Da müssen Sie jetzt aber schon ein Beispiel nennen . . .
Kalkofe: Warum tauschen RTL und ZDF konturlose Harmonie-Moderations-Roboter wie Marco Schreyl und Markus Lanz? Das sind sprechende Luftblasen, wenn ich die auf der Straße sehe, weiß ich nicht: Hat der letzte Woche „Deutschland sucht den Superstar“ moderiert oder mir den Wagen gewaschen? Solche Leute, die gelernt haben, perfekt zu grinsen und dabei nicht hinzufallen, werden uns leider in immer mehr Sendungen vorgesetzt. Das Fernsehen hat viel zu große Angst vor Leuten, die auffallen und begeistern, aber auch abschrecken könnten. Da freut man sich über einen wie den Zauberer Vincent Raven aus der Show „The next Uri Geller“, der vom Publikum zum besten Mentalisten der Welt gewählt wurde, obwohl er wirklich sämtliche Tricks vergeigt hat. Der Mann ist ein Geschenk für jeden, der etwas mit Satire zu tun hat, bei so einer Sendung klatsche ich vor Freude in die Hände.

PZ: Nimmt die mittlerweile übliche Selbstironie Ihnen bisweilen den Wind aus den Segeln? In der RTL-Dschungelshow „Ich bin ein Star“ etwa nehmen die Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach den Schmuddelfaktor des Spektakels selber auf die Schippe.
Kalkofe: Ja, aber in den meisten Fällen ist das ja nur eine behauptete Ironie. Die Sender haben einfach gemerkt, dass ein großer Teil der Zuschauer ihnen nicht mehr glaubt, und darauf reagieren sie aus Selbstschutz mit dieser gespielten Ironie. Es ist in diesen Fällen eher erschreckend, wie sehr die Sender ihre eigenen Gestalten vorführen. Da werden jahrelang frankensteinmäßig Kreaturen aufgebaut, die keiner braucht, die lustig aussehen und willig alles mitmachen, weil sie kein eigenes Gehirn haben, und dann werden sie in Sendungen wie dem Dschungelcamp oder „Die Burg “ von den eigenen Schöpfern sarkastisch und gnadenlos lächerlich gemacht.

PZ: Sie sind aber auch selber Teil des TV-Zirkus und sitzen als Kandidat in Shows, die nicht gerade zum gehobenen Entertainment gehören. Sägt das nicht an Ihrer Glaubwürdigkeit als Rächer der Genervten?
Kalkofe: Ich mache erstens bei 90 bis 95 Prozent der mir angebotenen
Sendungen nicht mit, ich habe nur bei zwei Formaten mitgemacht: „Genial daneben“ und „Besserwisser“. Ich könnte zweitens nicht davon leben, alle drei Jahre ein paar Folgen „Mattscheibe“ zu machen. Und drittens bin ich nicht der Messias, der nichts anders zu tun hat als den Hass, den viele Menschen aufs Fernsehen haben, auszuleben. Ich habe und werde immer versuchen, auch auf anderen Gebieten medial tätig zu sein, da ich im Grunde das Fernsehen ja auch liebe und immer noch Hoffnung habe.

PZ: Gibt es denn einen Silberstreif am Fernsehhorizont?
Kalkofe: Aus deutscher Produktion leider wenig, da kann ich nur Sachen wie „Stromberg“, „Pastewka“ oder „Dittsche“ nennen.

PZ: Und sonst ist alles Mist?
Kalkofe: Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender wie ARD oder ZDF müssten eigentlich ganz kleinlaut sein und sich täglich bei ihren Zuschauern entschuldigen. Dafür, dass sie für ihr Geld nichts machen, dass sie bedeutungslos geworden sind und jeden Trend vorbeirennen lassen. Die machen ein Programm wie vor 30 Jahren und kopieren mit lächerlichen Sendungen wie „Bruce“ die Privatsender auf schlechteste Art, um die jungen Leute zu holen. Uns dafür auch noch bezahlen zu lassen und sich nicht dafür zu schämen, ist eine Unverschämtheit.